Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
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Einleitung.

nehme, ehe er das Ganze überblickt hat. Es muß der neueren Leseweltfreilich dünken, ich ziehe meine Grenzen gar zu enge; mir aber scheint,man kann bei der Gestaltung unserer Literatur diese Grenzen nie zu engemachen. Wer tausende von Jahren der Bildung hinter sich hat, derdarf wohl ekel in der Wahl der Dinge werden, an welchen er Geschmackund Geist zu bilden sucht, der darf nie fürchten, Mangel an wahrhafttrefflichem Stoffe zu haben. Wohin soll es doch endlich mit unseremWissen und Lesen kommen, wenn wir uns ewig nnterdcr in beängstigendenVerhältnissen steigenden Flut nuferer Literatur theilcn sollten? wohin gediehezuletzt unsere Bildung, wenn stets das Viclwissen bezweckt würde, und nichtdas Wissen des Rechten und Guten, da es doch in jedem Fache nichtfreilich so gar vieles Vortreffliche gibt, aber doch immer genug, um dasLeben eines sinnigen Menschen mit Arbeit und Genüssen zu füllen. Und waSdie Dichtkunst angeht, so theile ich gerne jene Meinung, die Horaz vonihr ausgesprochen hat, daß das Abweichen vom Höchsten hier jählingszum Niedrigsten reißt und daß das Mittelmäßige in ihr am wenigstenzu dulden sei. Denn über die Dinge der Kunst wissen nur Wenige zuurtheilen, und in ihr wird daher durch das Mittelmäßige und Schlechteder Seele am verstohlensten das Schlechte und Mittelmäßige angebildet.So hat auch Göthe empfunden: nicht allein schrieb er vor, in allerKenntniß überhaupt nach dem Höchsten zu streben, auch in der Kunstbesonders fand er alles Vorlicbnchmen zerstörend. Am allermeisten aberwird die Nrthcilsftrcnge nach großem Maßstabe und das stete Augen-merk ans das Bedeutendste grade in einer Geschichte der Dichtung anrichtiger Stelle sein. Auch dies sage unser Meister der Kunst für mich.Nur ans dem höchsten und genauesten Begriffe der Kunst, sind Göthc'öWorte, kann eine Kunstgeschichte beruhen; nur wenn man das Vor-trefflichste kennt, was der Mensch hervorzubringen im Stande war, kannder psychologisch-chronologische Gang dargestcllt werden, den man inder Kunst nahm."

Wenn ich auch namentlich über einzelne Theile und Zeiten unsererLiteratur weniger warm oder weniger kalt nrtheile, als Mancher wün-schen möchte, so erwäge man ja den Zweck des Ganzen und dränge sichnicht mit Parteiansichten an eine parteilose Geschichte. Den blindenVerächtern der altdeutschen Literatur, so wie ihren blinden Verehrerngenug zu thun, kann ich nicht hoffen und nicht wünschen. Ich glaubevon dem wahren Werthe der Dichtungen des Mittelalters so richtig zuurtheilen, wie von dem Verdienste der Männer, die uns damit bekann-ter gemacht haben; und bin ich zwar in meinem Werke ans die neue Zeit