Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
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Einleitung.

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möchte ich doch sehen, der uns von einer Schilderung des gegenwärtigenpolitischen Zustandes von Deutschland getröstet zu entlassen verstände.Die Geschichte der deutschen Dichtung dagegen schien mir ihrer innerenBeschaffenheit nach eben so wählbar, als ihrem Werthe und unseremZeitbedürfniß nach wählenswerth. Sie ist, wenn anders aus der Ge-schichte Wahrheiten zu lernen sind, zu einem Ziele gckommeu, von woaus man mit Erfolg ein Ganzes überblicken, einen beruhigenden, jaeinen erhebenden Eindruck empfangen und die größten Belehrungen zie-hen kann. Die Wahl eines Geschichtstoffes mit den Forderungen undBedürfnissen der Gegenwart in Einklang zu bringen, scheint mir abereine so bedeutende Pflicht des Geschichtschreibers, daß, hätte ich die poli-tische, die religiöse, die gesammtliterarische oder irgend eine andere Seiteder Geschichte nnsers Volkes für passender und dringender zur Bearbei-tung gehalten, ich diese andere ergriffen haben würde, weil auch keinLieblingsfach den Geschichtschreiber ausschließlich fesseln soll. ^

Das Ziel in der Geschichte unserer deutschen Dichtung, auf das ichhindcute, liegt bei der Scheide der letzten Jahrhunderte; bis dorthinmußte also meine Erzählung Vordringen. Dieses Ziel ist nicht ein künst-lich von mir geschaffenes, ein zu meinen Zwecken zugerichtetes und unter-geschobenes, sondern ein in der Natur der Sache begründetes. Und magmeine Gcschichtscrzählnng auch allerhand besonderen Zwecken nachgehen,so kann und wird sie, falls auch nur das kleinste Verdienst in ihr ist,dem Hauptzweck, der Wissenschaft der Literargeschichte, vor Allem die-nen. Das höchste Ziel irgend einer vollendeten Reihe von Begeben-heiten in der Weltgeschichte kann nur da sein, wo die Idee, die inihnen zur Erscheinung zu kommen strebt, wirklich durchdringt, und woeine wesentliche Förderung der Gesellschaft oder der menschlichen Bil-dung dadurch erreicht wird. Was unfern Gegenstand angeht, so wardieDichtung, wie alleKunst, bei denGriechcn allein von keiner Religion,von keinem Stande und keiner Wissenschaft eingeengt, nur da konnte sieihre edelsten Kräfte im Vollesten Maße entwickeln, nur da Sitten, Glau-ben und Wissen gestalten und für alles ächte Bestreben in der Kunstspäterer Zeiten und Völker gesetzgebend werden. Dieser Höhepunkt warerreicht, als die homerischen Gedichte ihre letzte Gestaltung erhalten hat-ten und die früheren Tragiker in Athen die Reinheit der alten Kunst nochbewahrten. Als die Pythia den Euripidcs für weiser als den Sopho-kles erklärte, war die griechische Dichtung ans der gefährlichsten Spitze;von da an gewann der Gedanke an den Werken der Einbildungskrafteinen stets überwiegenderen Einfluß, den die Einwirkung der philosophi-