366
Aber was soll ich Ihnen von dem ersten Eindruck sagen,den das Bild auf mich machte? — Ich kann ihn mirselbst nicht einmal im Geist wiederholen, geschweige dennmit Worten ausdrücken. Sie meinen wohl, er wäre soentzückend gewesen? — Nein! Ausrichtig zu reden, erwar es nicht, ob ich mir gleich bis diese Stunde denfeindlichen Zauber noch nicht erklären kann, der sich inden ersten Minuten des Anblicks sowohl meiner Augenals meines Herzens bemächtigte. Kurz, das Bild stelltemir eine Gestalt dar, die meinen Augen und Herzenganz fremd, beiden nicht das mindeste anzugehen schien.Ich legte das Bild weg, und lies einigemal im Zimmerauf und ab, in einer Stimmung, die nichts weniger,als behaglich war. — Endlich griff ich nach den Briefenund las. Ich fühlte mich besser darnach werden, undunvermerkt war die vorige Unbehaglichkeit, ich weiß selbstnicht wie, verschwunden. Ich eröffnete mein Bild wiederund — o Wunder über Wunder! — Was sah ich? —Ein niedliches braunes Mädchen, an welches nicht nurmeine Augen, sondern auch mein Herz längst gewöhntschienen, ja dem das Herz schon mit Liebe entgegenschlagen konnte. Das letzte hat seitdem von Stunde zuStunde, von Tage zu Tage zugenommen, und kurzund gut, ich liebe das Mädchen, welches dieses Bild mirdarstellt *). Jener erste Eindruck ist so ganz verschwun-
*) Aus dem oben S. 2S9. erwähnten, leider verloren ge-gangenen Briefe Bürgers an Elise v. der Recke, worin B. denganzen Seelengang seiner Liebesgeschichte beschrieben hatte, theilt