Tugend ist ja nichts anders, als moralische Gesinnungim Kampse, und stetes Fortschreiten in der Vervoll-kommnung. Wie ist aber dieses stete Fortschreiten mög-lich, wenn nicht noch immer Fehler übrig sind, welchewir verbessern, nicht Schwächen, die wir ablegenmüssen? So wenig wir in irgend einem Zeitpunkteunsers Lebens, ja unsers ganzen Daseyns glauben dür-fen, genug gethan zu haben, eben so wenig müssenwir den Muth verlieren, oder trage werden, wenn wirfühlen, daß wir noch nicht die sind, die wir seynsollten und zu seyn wünschten. Denn der würde denNamen eines Weisen und Tugendhaften nicht verdie-nen, der nicht immer noch besser zu werden strebte, alser wirklich schon ist.
Ist das, wovon wir uns durchdrungen, belebt, ge-trieben fühlen, nicht eine schnell auflodernde, aber ebenso schnell wieder verfliegende Hitze der Empfindung,sondern eine auf Ueberzeugung des Verstandes gegrün-dete reine Achtung für unsere erkannte Pflicht, sowird endlich der Haß, die Verachtung und der Spottderer, welche wir durch Gründe nicht für Tugend undRechtschaffenheit gewinnen können, und' durch eine un-erlaubte und schimpfliche Bequemung nach ihren Vor-urtheilen zu unfern Freunden zu machen unter unsererWürde halten, weit entfernt, uns niederzuschlagen, unsvielmehr mit neuem Muthe erfüllen. Ein edler Un-wille, von Gegenverachtung begleitet, wird unsere Ent-schlossenheit stärken. Je entscheidender wir uns für Tu-gend und Pflicht erkläret haben, desto weniger wirdes jener lobenswürdige Stolz, welcher immer ein Ge-