Aber der Zauberstab des Epos, der den Apparatusder Phantasie und Empfindung beleben und in Auf-ruhr setzen soll, ist nur in wenigen Händen. Vielesuchten und fanden ihn nicht, weil er wirklich nichtleicht zu finden ist, und sie ihn nicht am rechten Ortsuchten. Wo er noch am ersten und leichtesten zu fin-den ist, das sind unsere alten Volkslieder. Seit kurzenerst sind einige echte Söhne der Natur ihm hier aufdie Spur gerathen.
Diese alten Volkslieder bieten dem reifenden Dich-ter ein sehr wichtiges Studium der natürlich poetischen,besonders der lyrischen und epischlyrischen Kunst dar.Sie sind meist, so wohl in Phantasie, als Empfindung,wahre Ausgüsse einheimischer Natur. Freilich hat diemündliche Tradition oft Manches hinzugethan und weg-genommen, und dadurch viel lächerlichen Unsinn hineingebracht. Wer aber das Gold von den Schlacken zuscheiden weiß, wird wahrlich keinen verächtlichen Schatzerbeuten. — Und wär's denn wohl der Mühe nichtwerth, daß ein Mann, mit Hcmsterhuysisch kritischerNase, sich darauf beflisse, den heterogenen Anflug weg-zunehmen, und die alte verdunkelte, oder gar verloreneLeseart wieder herzustellen? —
In jener Absicht hat öfters mein Ohr in der Abend-dämmerung dem Zauberschalle der Balladen und Gas-senhauer, unter den Linden des Dorfs, auf der Bleiche,und in den Spinnstubcn gelauscht. Selten ist mir einso genanntes Stückchen zu unsinnig und albern gewe-sen, das nicht wenigstens etwas, und sollt' cs auch nurein Pinselstrich des magisch rostigen Eolorits gewesen