457
Zweites Duch.
So bald Abrokomas und Anthia wieder in ihrem ge-wöhnlichen Wohnzimmer beisammen kamen, und ein-ander erzählten, was sie vernehmen müssen, sankenBeide unter Weinen und Wehklagen zu Boden: „OWater, und Mutter! O Vaterland, und ihr geliebtenVerwandten alle!" — Endlich erholte sich Abrokomas:„Ach, wir Unglücklichen! was werden wir noch erdul-den in einem Lande barbarischer Räuber, ausgesetztihren Beleidigungen? Nun hebet die Weißagung an:Nun rächt sich die Gottheit an meinem Uebermuthe!Mich liebt Korymbus, und dich Euxinus. O, wiesehr zur Unzeit sind wir nun schön! Hab' ich dafürbis jetzt meine Unschuld bewahret, daß ich sie der schänd-lichen Lust eines Räubers Preis gäbe? Was fürein Leben wird das meinige sein, wann ich aus einemMann ein Weichling geworden, und von meiner Anthiaweggerissen seyn werde? — Aber ich schwör' es beider Unschuld, die von Kindheit an meine Gespielinnwar, ich will eher umkommen, und meine Tugendin's Grab mitnehmen, als mich dem Korymbus erge-ben." So sprach er, und Thränen flössen hinter her.„O wehe! rief auch Anthia, welcher Jammer! Ach!bald wird man uns wider unfern Eid Gewalt anthun.Bald werden wir die Strenge der Knechtschaft erfahren.Wie? Nach dem Abrokomas hoffet mich noch einWohllüstling zu gewinnen? Hoffet in mein Bett zugelangen, und seine Begierden an mir zu sättigen?