177
reichlich in diesen Tugenden ausgerüstet, jene ihresblühenden Daseyns wird berauben können. Die Leipzi-ger achte ich keinesweges für so geringe, oder mittel-mäßig, als zwei Kunstrichter, — oder vielleicht nurEiner in zweierlei Larven, — im Deutschen Museumzu thun scheinen, wiewohl ihr Tadel in den angeführ-ten Stellen größtentheils gerecht ist. Nur berechtigtendiese gerügten einzelnen Stellen nicht allerdings, denTadel über das Ganze in dem Maße auszugießen, alsdort geschehen ist.
Graf Stolberg würde an der Ilias, wie Voßan seiner Odyssee, wenig oder nichts zu thun übriggelassen haben, wenn der Fleiß seinen hohen, mit allzuraschem Ungestüm fortstrebenden poetischen Genius mehrim Zaume gehalten hätte. Er flog, im Ganzen genom-men, ziemlich die Richtung der Homerischen Bahn,sah aber nicht immer scharf genug vor sich hin aufGeleise und Fußstapfen. So schweifte er denn öftersbald hier, bald dort aus dem Geleise, nicht selten zwarmit schönerem Schwünge, oft aber auch mit Straucheln.Beides sollte jedoch nicht seyn, wenn man keine andere,als Homers Bahn fliegen will. Es ist alsdann einesder allerersten Hauptgesetze, dem Alten Alles nachzu-thun, und sogar ihm nachzu — straucheln. Stol-bergs hoher und feuriger Genius ist zwar eine herr-liche Tugend. Aber eine Homerische Uebersetzung erfor-dert auch unendliche Klauberei des Fleißes. Uebrigensverstand mein edler Mitbuhler damals, als er seinWerk verfertigte, noch nicht, wie jetzt, Sprache undVers unter sich zu bändigen. Flöge er in seiner jetzigen
12