XXVI. Kapitel.
Die Schrift.
Ansicht des Pighius über den Werth der Schrift und der Uebcrlicfcruug. — HeinrichBcnsheim von Hagenau. — Seine Vision. — Luther und Calvin vor dem hoch,stcn Richtcrstuhle. — Cotta, das Weib nach dem Herzen Gottes. — Calvindein Calvin cntgegengestellt. — Geständnisse neuerer Protestanten.
Pighius hat den Mönchen zum Vorwurfe gemacht, daß sie denStreit in dem von den Reformatoren bestimmten Ausdrucke angenom-men haben. „Ohne Zweifel," sagt er, „ist die Schrift, welche dieGegner zum einzigen Richter im Streite machen wollten, eine Lehre, de-ren göttliche Eingebung die Einen wie die Andern anerkennen; dasäußere oder materielle Zeichen, in welches sie sich aber kleiden mußte,konnte nicht für Alle dieselbe Klarheit haben. Dieses äußere Zeichenkonnte durch den Stolz, die Eitelkeit und alle andere böse Neigungenverdunkelt werden. Hat nicht Luther geschrieben: „Diß soll dir einegewisse Regel seyn, darnach du dich zu richten hast, daß, wann dieSchrift befilcht, und gebiethct gute Werke zu thun, du es also verstehest,daß die Schrift verbiete, gute Werke zu thun. (Pom. 3. »'ittem. Ist.kol. 171, t.2. .^It. lol. 696 in der Auslegung des fünften Psalms.) Mußtenicht Luther selbst oft gestehen, daß man mit David, Jeremias, Jsaias undden Propheten gelebt haben müßte, um das alte Testament zu verstehen; unddaß man seine Tage mit dem heiligen Johannes und dem heiligen Pauluszugebracht haben müßte, um die Evangelisten ganz zu begreifendStand Earlstadt auf der nämlichen Stufe der Wissenschaft, wie Mclanch-thond Verstand Münzer die hebräische Sprache wie Luther? WarOecolampadius oder Zwingli des Griechischen kundig wie Aleandrv?Man vermag einen Wortstreit nicht recht aufzusassen, wenn Diejenigen,welche den Gedanken erklären wollen, nicht ein und dasselbe Zeichenbetrachten, das den Gedanken verhüllt. Und wenn das phonetische Zei-chen auch identisch wäre, müßte die Wissenschaft dessen, auf den eseinwirkt, auf gleicher Höhe stehen. Wenn aber diese Gleichheit der Vor-stellung schon in der physischen Welt fehlt, wie sollte sic sich in der gei-stigen vorfinden? Wenn ein Sonnenstrahl dem andern Strahle nichtgleich ist, wie sollte das Licht der Geister sich gleich sein? Es ist also