Druckschrift 
1 (1843)
Entstehung
Seite
229
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Straßburg war zur Zeit des Wiederauflebens der Wissenschaftenund Künste eine lärmende Stadt. Hier dispntirte man zu jederStunde des Tages über alle wichtigen Fragen der Psychologie, welchedas Leben poetisch zu machen vermochten: über den freien Willen, überdie Rechtfertigung, über die Gnade, über die Einwirkung Gottes aufdie Handlung der Crcatur und über viele andere geheime Phänomene,irren Erforschung die Schule selbst aufgegeben hat. Mit der größtenUnruhe wurde hier des Erasmus Schrift vom unfreien Willen erwar-tet; wenn ein Pamphlet von Luther erschien, kamen alle Gemüther inBewegung und selbst Earlstadt konnte versichert sein, daß er hier glü-hende Sympathien für seine Schwärmereien über das Abendmahl findenwürde. Alle möglichen religiösen Meinungen hatten hier ihre Stell-vertreter. Man fand da Lutheraner, Wiedertäufer, Zwinglianer,Oecolampadianer, Münzerianer. Es war ein olympischer Göttersitz,wo jeder Gott der Schule einen Altar hatte. Oft geschah es, daßall diese Gottheiten aus Mangel an Zuhörern durch ihre Streitigkeitenden Frieden der Stadt störten. Dann war der Städtemeister verpflich-tet, cinzuschreiten und den Frieden zu predigen. Der Friede war dasStillschweigen, und keiner der disputirenden Götter wollte schweigen:der Stadtrath war also mit dem Aufträge beschwert, eine dieser Gott-heiten zu ergreifen und dieselbe höflich aus der Stadt zu führen. Platobehandelte die Dichter nicht mit mehr Respect. Die Gottheit kam baldwieder bei einem andern Thore herein, erfrischt in der Brust mit demWohlgeruch der Vogesen oder dem Wasser des Rheins, verfiel abergleich wieder in die gewohnte Krankheit, die theologische Geschwätzigkeit.

Die Magistratspersonen, größtentheils Männer des Volkes, gin-gen von einem Gott zum andern und zeigten hierin eine bewunderungs-würdige Gleichgiltigkeit. Jede neue Lehre hatte die Gabe, sie zu ver-führen. Wenn ein Schüler Zwingli's von den Bergen der Schweizkam und ihnen die Lehre seines Meisters verkündete, hörten sie ihnan, verehrten ihn und nahmen ihn wie einen Apostel auf. An die-sem Tage hörte Straßburg auf, an das Dogma der reellen Gegenwartzn glauben, Zwingli wurde angebetet und seine Dogmatik in einenKatechismus gefaßt zum Gebrauche für Kinder. Dann kam Buccr:

1) Carlstadt, der aus Wittenberg verjagt worden war, gab in Straßburg seineMeinungen über die reelle Gegenwart kund: seine Lehre wurde durch die prote-stantischen Prediger anerkannt. Neue Bcsckweibnng von Straßburg, 1838. S. 231.

2) IsnzgM, ets pueiis jnstituenlli» eoclesiae nrgentmensjs, suno 1327,Niense niignslo,