noch alle edlen Gemüther lebhaft der Anstrengungen erinnerten, welchejene Prälaten für die Erhaltung der nationalen Unabhängigkeit auf sichgenommen hatten. Sadolet war nicht unbekannt in Genf, welches denrömischen Priester, den Freund des Kardinals Contarini, den HofmannLeo's X., dessen guter Geschmack für die Künste von ganz Europa be-wundert wurde, einige Male mit grosser Zuvorkommenheit ausgenom-men hatte.
Das Erste was ihm auffällt, wenn er die Feder ergreift, ist dasBild jener edelmüthigen Gastfreundschaft, welche Genf dem Fremdlinggewährte. Er fühlt sich bewogen, der Stadt seinen Dank auszuspre-chen, in der er einige Stunden süsser Ruhe genoss.
„Edle Genfer," sprach er, „ich lernte euch kennen und euere Re-publik lieben, deren politische Einrichtung meine Bewunderung erregte;ich lernte die heilige Liebe kennen, mit der ihr den Fremdling aufnehmt.Ich weiß, daß Genf eine Beute der Zwietracht ist, welche durch dieFeinde euerer Ruhe und der katholischen Einheit ausgesät worden ist.Mein Herz blutet bei den Klagen dieser Kirche unserer heiligen Mutter,welche den Verlust so vieler Kinder, die sie mit ihrer Milch getränkthatte, beweint, und bei dem Anblicke der Gefahren, die für euch nochVorbehalten sind. Denn die Neuerer, meine liebe Freunde, könnenihren Sieg nur auf der Empörung begründen, auf der Umwälzungeuerer Ordnung und den Ruinen euerer bürgerlichen und religiösenFreiheiten."
Sadolet nimmt hier seine Zuflucht zu keinem dogmatischen Streite,in welchem die Stadt nicht ohne Nachtheil bleiben konnte. Er begnügtsich damit, daß er ihr den Glanz der katholischen Einheit hervorhebt,welche ein immer gleich neuer und mächtiger Beweisgrund bleibt. Erzeigt ihr das Kreuz Christi auf Golgatha, welches die Welt der Hei-den besiegte, sich Völker und Könige unterwarf, und fragt dann: „Gabes je zwei Zeichen und zwei Symbole? Wann ist Christus seinemVersprechen untreu geworden, in dem er bestätigte, dass er mit seinenAposteln sein werde bis an das Ende der Welt?" — Er verlangt,man solle ihm in der Geschichte des Geistes einen Augenblick nennen,in welcher der Katholicismus die Wege verlassen hätte, welche ihm derSohn Gottes vorzeichnet; oder eine Stunde in der Reihe der Jahr-hunderte, in welcher den Nachfolgern des heiligen Petrus der Glaubegefehlt habe; eine Störung in der Einheit der kirchlichen Lehre, einAbweichen vom Dogma. Er beschwört die Genfer, ihm zu sagen, obder katholische Priester nicht heute lehre, was er gestern lehrte; welcheWahrheiten die Neuerer gesunden hätten; ob der Glaube des heiligen
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