hatte jedoch vorausgesagt, daß Melanckithon nicht kommen werde.Man hielt diese Weissagung für einen poetischen Einfall und verwiesMarot an seine Musen. Er hatte Recht. Ein rothes Gewand unter-brach plötzlich die so weit vorgerückten Unterhandlungen.
Eines Tages kam der Cardinal von Tournon, Erzbischof vonLyon vor den König, mit einem Buche unter dem Arme: — Ihrhabt da ein schönes Buch, mein Herr, sprach der Fürst, und wandteseine Augen auf die Decken des Werkes, welche ganz vergoldet waren.Ihr habt wohl gesprochen, Sire, antwortete der Erzbischof, das isteiner euerer ersten Bischöfe an der Kirche zu Lyon. Durch einen glück-lichen Zufall bin ich auf diese Stelle gekommen, welche im drittenBuche dieses Werkes steht. Irenaus erzählt, er habe den heiligenPolttkarpus sagen hören, das; der heilige Apostel Johannes, sein Leh-rer, als er in das Bad treten wollte und den Jrrlchrer Cerinthus indemselben sab, sogleich den Fuß zurückgezogen habe: „fliehen wir,"sprach er, „denn ich fürchte, das Wasser, in dem sich dieser Feindder Wahrheit badet, könnte uns beflecken und verunreinigen." 0
Der Erzbischof hatte nicht viele Mühe, dem Fürsten verständlichzu machen, daß eine Unterredung zwischen den Katholiken und Prote-stanten ein so beklagenswerthes Schauspiel werden könnte, wie es dieUnterredungen in Deutschland seit zwanzig Jahren zeigten, wo Miltiz,Cajetan, Veh, Aleandro, als Abgesandte des päpstlichen Stuhles mitLuther zusammentrafen und scheiterten. Franz I. ließ den Reisepaßzurückbehalten, den der Kanzler für Melanchthon ausstellen wollte.
Die Gemüther wurden aufgebracht. Die Reformation ermuthigtesich durch die erklärte Protection der Königin Margaretha, durch dieLobeserhebungen einiger Gelehrten, durch die Kunstgriffe der Herzogind'Etampes, durch den drohenden Schmalkaldner Bund, und alle innernund äußern Verwicklungen, in welche das Reich versetzt war: sie ver-barg sich nicht mehr, wie bisher. Sie wurde streitsüchtig, spöttisch,grob: anstatt daß sie die Hände zum Gebete erhob, geschah es jetzt,um zuzuschlagen, oder um zu schelten. Sie schlug ihre Glaubens,bekenntniffe öffentlich an und ging in die Werkstätten, um die Arbeiterzum Uebertritt zu bewegen. Sie verdächtigte unsere Ehren, verleumdeteunsere Bischöfe, und beschimpfte unsere Priester. Sie erfand eigene Worte,um uns der Verachtung bloß zu stellen, sie nannte uns „Papstanbeter"und „Gottiresser." Wenn die Nacht angebrochen war, lief sie durch die
1) ?Iorimonck cte Ksomonci.