Druckschrift 
Die Weisheit des Brahmanen : ein Lehrgedicht
Entstehung
Seite
22
Einzelbild herunterladen
 

22

Wer seine Stellung kennt nnd dazu seine Kraft,

Und beiden wirkt gemäß, der wirkt untadelhaft.

Znm Selbstgefäll'gen sprich: Ich möchte lieber Allen,Wie du dir selbst, als mir, wie ihnen du, gefallen.

Die Demuth ehre du, nnd zu der Demuth EhrenSei gegen Stolze stolz, um Demuth sic zu lehren.

.

Ein rechter Mann hat zwei Gesichter, die er hältDas eine auf sein Haus, das andre auf die Welt.

Das freundliche Gesicht, das wendet er in's Hans,Das ernste aber kehrt er in die Welt hinaus.

3«.

Thn' was du kannst, und laß das Andre dem, der's kann,Zu jedem ganzen Werk gehört ein ganzer Mann.

Zwo Hälften machen zwar ein Ganzes, aber merk':

Aus halb und halb gethan entsteht kein ganzes Werk.

Wer halb nnd halb gesund, der mag nur krank sich nennenUnd gar nicht kennen wir, was halb und halb wir kennen.

Wenn etwas Ganzes würd' ans noch so vielen Halben,Ganz gut! es wimmelt jetzt von Halben allenthalben.

In jeder Halbheit wohnt ein Trieb zur Uebertreibnng:

Bei Uebertreibnng bleibt nicht ans die Unterbleibung.

Zuwenig nnd zuviel ist beides ein Verdruß;

So fehl ist überm Ziel wie unterm Ziel ein Schuß.

Zuwenig und zuviel ist gleichsehr unvollkommen;

Im Ernst ist und im Spiel das rechte Maß willkommen.