283
dem Walde, wo ich erwartet wurde. Ich eilte nach dem bestimmtenOrte, ich trat in die Kapelle, er flog in meine Arme, wir bedeckten
uns mit Küssen, wir zerflossen in Thränen. Auf den Stufen
des Altares der kleinen Kapelle, die von Nußbäumen beschattetwaren, saßen wir mit verschlungenen Armen und erzählten unsunter den zärtlichsten Liebkosungen unsre bisherigen Schicksale.Er verzweifelte schier, daß er mich nun' nie, nie wiedersehensollte. Der Abschied nahte; es war halb neun Uhr geworden,der bestellte Wagen erwartete mich. Ich gab'ihm das Geld unddie Juwelen, und er sagte zn-mir: „O Amelie! hätte ich michnur heute Nacht vor deinem Bette erschossen, aber der Anblick
deiner Schönheit im Schlafe entwaffnete mich. An dem Reben-
geländer deines offenen Fensters bin ich in deine Stube geklettertund habe die Johanniskäfer fliegen lassen, an denen ich aufmeiner ganzen Reise gesammelt, weil ich mich erinnerte, daß dusie liebtest; dann legte ich dir die neuen Schuhe und Strümpfehin, und nahm mir die mit, welche du am Abend abgelegt hattest.Dein trockner, ehrlicher Mann schien mir über seinen tollenGedanken zu träumen. Ich habe ihn gestern schon gesprochen, erbegegnete mir hier im Walde botanisirend; eS war schon düster,und da ich selbst Waldblumen dir zum Strauße suchte, hielt ermich für seines Gleichen und wir geriethen in ein langes alchy-mistisches Gespräch. Ich theilte ihm die Anweisung eines Mönchesmit, der mich auf meiner letzten Reise in der Provence, als ichin einem Kloster übernachtete, lange von dem Geheimniß unter-hielt, einen lebendigen Menschen auf chemischem Wege in einemGlase heraus zu destilliren. Dein guter Mann nahm Alles fürbaare Münze, umarmte mich herzlich und bat mich, ihn bald zubesuchen, worauf er mich verließ. Ach, er wußte nicht, daß ichihn in derselben Nacht wirklich auf halsbrechendem Wege besuchensollte. Wie muß ich dich bedauern, daß dn kinderlos und einessolchen Thoren Gattin bist!"