Druckschrift 
4 (1862) Der kleinen Schriften erster Theil
Entstehung
Seite
284
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ist Dein Geburtstag, ich muß Dich sehen, zum letzten Malsehen. Heute Abend vor dem Thor findest Du mich in dem kleinenWäldchen unter den Nußbäumen, etwa hundert Schritte vomWege, bei der kleinen Kapelle rechts. Wenn Du mir einigesGeld zu meiner Hilfe mitbringen kannst, so wird Dir es Gottvergelten. Ich Thor habe es nicht unterlassen können, die letztenwenigen Louisd'vr meines Vermögens an das kleine Geburtstags-Geschenk zu verwenden, das du vor Dir siehst. Wie Du eserhalten und was ich dabei gelitten, sollst Du selbst von mirhören. Schweigen mußt Du, kommen mußt Du, oder meineLeiche wird morgen in Deine Wohnung gebracht. Dein unglück-licher Ludwig."

Ich las diese Zeilen mit der heftigsten Trauer; ich mußteihn sehen, ich mußte ihn trösten, ich mußte ihm Alles bringen,was ich hatte, denn ich liebte ihn unaussprechlich und sollte ihnauf ewig verlieren.

Hier schüttelte der Bürgermeister lächelnd den Kopf undsprach:So haben Sie also doch, meine Dame, für einenfremden Mann Zärtlichkeit empfunden?"

Die Fremde erwiederte mit einem ruhigen Selbstgefühl:Ja, mein Herr; aber verdammen Sie mich nicht zu früh, undhören Sie meine Erzählung ruhig aus. Ich raffte den ganzenTag Alles, was ich an Geld und Geschmeide hatte, zusammen,und packte es in ein Bündel, das ich mir gegen Abend vonunserer Magd nach einem Badehause in der Gegend jenesThores, vor welchem Ludwig mich erwarten sollte, tragen ließ.Dieser Weg hatte nichts Auffallendes, ich war ihn oft gegangen.Als wir dort angekommen waren, sendete ich meine Magd mitdem Auftrage zurück: mir um neun Uhr einen Wagen an dasBadehaus zu senden, der mich nach Hause bringen solle. Sieverließ mich, ich aber ging nicht in das Badehaus, sondern begabmich mit meinem Bündelchen unter dem Arm vor das Thor nach