Druckschrift 
4 (1862) Der kleinen Schriften erster Theil
Entstehung
Seite
204
Einzelbild herunterladen
 

sprechen'Sie mit mir, die großen Herren haben keinen Sinnfür so etwas. Geschwind kommen Sie nach der Wache."

Er wollte mich fortziehen, da schlug die Schloßuhr halbVier. Der Klang schnitt mir wie ein Schrei der Noth durchdie Seele, und ich schrie aus voller Brust zu den Fenstern desHerzogs hinauf:

Hilfe! um Gottes willen, Hilfe für ein elendes, verführtesGeschöpf!" Da ward Grossinger wie unsinnig. Er wollte mirden Mund zuhalten, aber ich rang mit ihm; er stieß michin den Nacken, er schimpfte; ich fühlte, ich hörte Nichts. Er-rief nach der Wache; der Korporal eilte mit etlichen Soldatenherbei, mich zu greifen. Aber in dem Augenblicke ging desHerzogs Fenster auf, und es rief herunter:

Fähndrich Graf Grossinger, was ist das für ein Scandal?Bringen Sie den Menschen herauf, gleich auf der Stelle!"

Ich wartete nicht auf den Fähndrich; ich stürzte die Treppehinauf, ich fiel nieder zu den Füßen des Herzogs, der michbetroffen und unwillig aufstehen hieß. Er hatte Stiefel undSporen an, und doch einen Schlafrock, den er sorgfältig überder Brust zusammen hielt. >

Ich trug dem Herzog Alles, was mir die Alte von demSelbstmorde des Uhlanen, von der Geschichte der schönen Annerlerzählt hatte, so gedrängt vor, als es die Noth erforderte, undflehte ihn wenigstens um den Aufschub der Hinrichtung aufwenige Stunden und um ein ehrliches Grab für die beidenUnglücklichen an, wenn Gnade unmöglich sei.Ach, Gnade,Gnade!" rief ich aus, indem ich den gefundenen weißenSchleier voll Rosen aus dem Busen zog; dieser Schleier, denich auf meinem Wege hierher gefunden, schien mir Gnade zuverheißen."

Der Herzog griff mit Ungestüm nach dem Schleier undwar heftig bewegt; er drückte den Schleier in seinen Händen,