Druckschrift 
4 (1862) Der kleinen Schriften erster Theil
Entstehung
Seite
173
Einzelbild herunterladen
 

173

durch die Straße kam und sie sich von ihm ihre Wohnungenwollten öffnen lassen. So war ich allein noch gegenwärtig. DieStraße ward ruhiger. Ich wandelte nachdenkend unter denBäumen des vor mir liegenden freien Platzes auf und nieder;das Wesen der Bäuerin, ihr bestimmter ernster Ton, ihreSicherheit im Leben, das sie acht und achtzigmal mit seinenJahreszeiten hatte zurückkehren sehen, und das ihr nur wie einVorsaal im Bcthause erschien, hatten mich mannichfach erschüttert.Was sind alle Leiden, alle Begierden meiner Brust, die Sternegehen ewig unbekümmert ihren Weg, wozu suche ich Erquickungund Labung, und von wem suche ich sie und für wen? Alles,was ich hier suche und liebe und erringe, wird es mich jedahin bringen, so ruhig, wie diese gute fromme Seele, die Nachtauf der Schwelle des Hauses zubringen zu können, bis derMorgen erscheint, und werde ich dann den Freund finden, wiesie? Ach, ich werde die Stadt nicht erreichen, ich werde, wege-müde, schon in dem Sande vor dem Thor umsinken und vielleichtgar in die Hände der Räuber fallen. So sprach ich zu mirselbst, und als ich durch den Lindengang mich der Alten wiedernäherte, hörte ich sie halb laut mit gesenktem Kopfe vor sich hinbeten. Ich war wunderbar gerührt, und trat zu ihr hin undsprach:Mit Gott, fromme Mutter, bete Sie auch ein wenigfür mich!" bei welchen Worten ich ihr einen Thaler in dieSchürze warf.

Die Alte sagte hierauf ganz ruhig:Hab' tausend Dank,mein lieber Herr, daß du mein Gebet erhört."

Ich glaubte, sie spreche mit mir und sagte:Mutter,habt Ihr mich denn um etwas gebeten? ich wüßte nicht."

Da fuhr die Alte überrascht auf und sprach:Lieber Herr,gehe Er doch nach Haus und bete Er fein, und lege Er sichschlafen. Was zieht Er so spät noch auf der Gasse herum?Das ist jungen Gesellen gar nichts nütze, denn der Feind geht