Druckschrift 
4 (1862) Der kleinen Schriften erster Theil
Entstehung
Seite
151
Einzelbild herunterladen
 

131

auf und spielte mit, und auch Verena spielte mit. Wir warenKinder. Es sauste aber der Sturm wieder durch das wald-durchwachsene Schloß und wir drängten uns bei der Lindezusammen und sangen:

Treu, dunkellaubige Linde,

Wenn rings die Windsbraut tobt,

Dein Säuseln lieblich lindeDen Frieden Gottes lobt.

Treu, dunkellaubige Linde,

Wie fährt all' Gut und BlutFort, fort im Sturm geschwinde,

Nur du hegst festen Muth.

Treu, dunkellaubige Linde,

Wie List du stark und gut,

Wohl dem, der mit dem KindeBei dir im Hng'lein ruht!"

Indem wir aber so sangen, hörte ich den Alektrho wiederkrähen und sah mich um, und Alles war verändert. Gockels-ruhe stand wieder in vollem Glanz, und es war eine freudigeHochzeit, und ich zog mit dem Brautzug und Leichenzug durchdie geschmückte Schloßkapellc, in der mir mein Mantel und meinTagebuch genommen ward.

Hierauf zog ich mit Verena wieder umher durch die Gegend.Wir eilten immer schneller, wurden immer müder und kamen endlichin der Mitternacht in ein weites Erndtefeld. Wir zogen demSensenklang und dem Schalle der Schnitterlieder nach, Verenalas Aehren und ich sammelte Blumen zum Erndtekranz. Endlichkamen wir mitten in dem Aehrenfeld auf einen kleinen freienRaum, wo der Kranz sollte geflochten werden, da sahen wirSeltsames. St. Eduard's Thronstuhl, in dessen Sitz der Schlum-merstein Jacob's bewahrt ist, stand zwischen zwei hohen Lilien