152
Ueber die Stellung, welche die Disputa in der Kunstgeschichteeinnimmt, gehen die Meinungen auseinander. Einige betrachtendieses Bild als die höchste Blüthe, welche die christliche Malereihervorgebracht hat, Andere aber sehen die Transfiguration, dasletzte Bild Raffaels, welches an seinem Sarge stand, als den höch-sten Gipfel der Vollkommenheit an, den Raffael erstiegen hat.
Zu denen, welche der Disputa den ersten Preis zuerkennen,gehören die christlichen Maler und Kunstkenner, und ihnen voranFriedrich von Schlegel. Zu denen, welche die Transfigurationam höchsten stellen, gehören vornehmlich die Künstler der neuerenZeit. Dieses hat seinen Grund darin, daß die Transfigurationin der Farbenbehandlung, in der Gruppirung und sogar im Aus-drucke schon mehr in der Methode und in den Grundsätzen ent-worfen und behandelt worden ist, wie die späteren Künstler gemalthaben. Schlegel war nicht der erste, welcher jene Ansicht von derDisputa und von ihrem Verhältnisse zur Transfiguration zuerstaufgebracht hat Z. Lanzi, der lange vor Schlegel geschrieben, be-richtet über unser Bild, indem er sagt: „Wer jeden Theil diesesBildes für sich betrachtet, entdeckt darin eine so fleißige und be-wunderungswürdige Ausführung, daß man behauptet hat, diesemBilde müsse vor allen Anderen der Vorzug zuerkannt werden?)."Die entgegengesetzte Ansicht findet sich schon bei Roscoe im LebenLeo X.3). >
S. Schlegels Europa, I. II. S. 8. Goethe, Kunst und Alterthum, II.Heft, S. 17.
2) Honäiineno vdi ne rixurräa oxni xarte äa stz, la trovr äi nur osecurionscost äilixento « nüradil«, oks ün si ö xretoso äovsisi guesto gusäro sntexorre atutti. I.Lnri, storia xittorioa. Horn. II., x. 58.
3) Rosoos, Ink« ok I.eo X., eä. III., x. 240. Vgl. v. Rumohr a. a. O., Bd.3, S. 80.