Druckschrift 
Raffaels Disputa
Entstehung
Seite
103
Einzelbild herunterladen
 

Wir wenden uns wieder zur rechten Seite des Bildes. Hin-ter Anselmns und Petrus Lombardus erblicken wir eine besonderefür sich fast abgeschloffene kleine Gruppe von vier Personen (32-35)Wer sie sind, finden wir nirgendwo angegeben; wir wollen ihreDeutung versuchen.

Das neunte Jahrhundert hatte unter den Theologen des frän-kischen Reiches lebhafte Erörterungen über die Lehren von derPrädestination und von der Eucharistie hervorgerufen. An derLehre der Eucharistie selbst wurden keine Zweifel laut, aber manstellte über das Wie dieses Mysteriums Fragen ans, welche denGlauben an das Dogma selbst zu erschüttern schienen, da die Er-örterungen nicht streng ans dieses Gebiet eingeschloffen blieben.Die Namen, welche diesen Streitigkeiten ihre Fortdauer vornehm-lich zu danken haben, sind: Haymo, Bischof von Halberstadt (758bis 853), Paschasius Radbertns, Abt des Klosters Corbie in Frank-reich (844851), Ratramnus, Mönch desselben Klosters um 868,Amalarius, erst Diakonus, dann Abt zu Metz (812). Von demDogma selbst wichen diese Männer nicht ab, sie blieben deshalballe in der Kirche, konnten somit auch auf unserem Bilde erschei-nen. Allein, da die Vorstellungen, welche sie sich von dem Wiedieser Lehre gebildet hatten, die kirchliche Zustimmung nicht hatten,so erscheinen sie auf unserem Bilde als Glied der theologischenFortentwickelung, aber mehr in sich abgeschlossen und etwas seit-wärts der kirchlichen Strömung. Wir erkennen nun in unsererGruppe einen Bischof an der Mütze, einen Mönch an der Kaputze,einen Abt an dem langen Barte. Daß die Gewänder der Mönchevon weißer Farbe sind, kann nicht gegen diese Deutung geltendgemacht werden. Bei den ältesten Benediktinern war die Farbeder Kleidung nicht gleich, und die Benediktinerinnen wie die Co-lumbaner hatten Gewänder von weißer Farbe.