Druckschrift 
Raffaels Disputa
Entstehung
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Schönheit der klassischen Welt, eine stille Sehnsucht erregen, einestarke, tiefe, ruhige, innige Sehnsucht mit dem süßen Gefühle sicherersteter Annäherung. Nur auf diesem Wege empfängt das Kunstwerkdas höhere innere Leben, was durch die Form jeder wahrenKunst und aller wahrhaften Poesie hindurch bricht, nirgend stärker undmächtiger als in den salomonischen Gesängen, wo die Begeisterungdieses inneren Lebens eingehüllt ist in die tiefsten Bilder des sinn-lichen Lebens, und in den Psalmen, die nach dieser Seite hin denPreis über die lyrischen Gedichte aller Nationen davon getragen,die nach Jahrtausenden noch bei den freudigsten Anlässen wie beiden schmerzlichsten Fällen der Trauer die Herzen der Menschenvon allen Nationen und allen Zonen im öffentlichen Gottesdiensteund in stiller Andacht trösten und erheben, und mit der Sehnsuchtdes Unendliche» erfüllen! Eben dieses höhere innere Leben ist es,was auch die klassischen Dichter des griechischen Alterthums soanziehend macht, indem dasselbe unter mannigfacher Verhüllungbald durchschimmert, bald Heller hervorbricht, wie z. B. in denhomerischen Gedichten, in Sophocles, und selbst im Pindar undAeschylos.

Bei dem Maler kommt die Erfindung, die Idee und die Neu-heit seiner Vorstellung weniger in Betracht, als bei dem Dichter; ,aber die Kunst des einen wie des anderen fordert, daß die geschick-testen Mittel, die klarsten, hellsten, verständlichsten, lebendigsten Zügezu ihrer Darstellung gewählt werden. Dieses ist der Weg, dender nachdenkende Dichter und Künstler geht.

Der Dichter, der Künstler erfaßt irgend mit Liebe eine Idee,lange betet er sie an in der Abstraktion, er bildet sie langsam, nachund nach als symbolische Person aus, dann auf einmal mit ent-flammter Einbildungskraft bemächtigt er sich der Geschichte, undwirft den Typus hinein, den er ersonnen hat. Eine Epoche, einEreigniß, ein Mensch, wird wie durch Zauberei der Ausdruck seinesgeliebten Gedankens; wirkliche geschichtsmäßige Thateu, Charaktere,Gefühle, Leidenschaften und Vorurtheile jener Zeiten, alles modeltsich nach dem Bilde, das er im Grunde seines Herzens trägt,