Wir haben Raffael als Knabe nach Perugia, als Jüngling aufseinem Wege nach Florenz begleitet, wir folgen ihm jetzt auf seinemWege nach Rom zu jener Höhe und jenen Gipfel der Kunst, aufwelchen er die Bewunderung seiner Zeit und aller nachkommendenJahrhunderte erregt hat.
Seit dem I. November des Jahres 1403 saß Julius II. aufdem päpstlichen Stuhle zu Nom, ein Mann von Charakter, vonhoher Einsicht, von großer Kraft, von unbeugsamem Muthe, denauch das hohe Alter nicht zu schwächen vermocht hatte. DerKirchenstaat, als er dessen Regierung antrat, war tief zerrüttet;die ewige Stadt bot das Bild der Verwüstung dar. Vor ihmhatte Alexander VI. oder Noderich Borgia den päpstlichen Stuhlbeschimpft. Julius wollte den Kirchenstaat wiederherstellen, derewigen Stadt den ihr gebührenden Glanz wiedergeben, und wasJulius wollte, das mußte geschehen. Er brachte die Macht desKirchenstaates auf eine Höhe, auf welche sie früher nie gestan-den hatte. Julius suchte nichts für sich, sein ganzes Strebenwar dem Amte zugewendet, welches Gott ihm übertragen hatte.Wir werden diesen Priesterfürsten später noch als Krieger kennenlernen, hier erwähnen wir seiner als Förderer der Kunst und derWissenschaft, denen er mit Entschiedenheit und großem, klaren Ver-stände zugethan war. Was kaum einem Anderen gelungen wäre,gelang ihm, trotz aller Erinnerungen der Vorzeit, welche sich anden Bau der Peterskirche knüpften, trotz alles Widerspruches, derihm entgegeutrat, ließ er die alte Peterskirche niederlegen, um einegrößere, um ein neues Weltwunder an die Stelle zu setzen. Bra-mante, um die Ueberlegeuheit der neuen Zeit über die alte zu be-weisen, machte sich anheischig, dem großen Sinne des Papstes ent-sprechend, dem alten Pantheon einen neuen Kuppelbau hoch in der