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Raffaels Disputa
Entstehung
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Zeit, wo man redlichste Bemühung, Aufmerksamkeit, Fleiß undTreue der Kunst widmete. Vorausgehende Meister führten denJüngling bis an die Schwelle, und er brauchte nur den Fuß auf-zuheben, um in den Tempel zu treten. Durch Peter Peruginzur sorgfältigsten Ausführung ungehalten, entwickelte sich sein Geniean Leonard da Vinci und Michel Angolo. Beide gelangten währendeines langen Lebens, ungeachtet der höchsten Steigerung ihrerTalente, kaum zu dem eigentlichen Behagen des Knnstwirkens.Jener hatte sich, genau besehen, wirklich müde gedacht, und allzu-sehr am Technischen abgearbeitct, dieser, anstatt uns zu dem, waswir ihm schon verdanken, noch Ueberschwengliches im Plastischenzu hinterlassen, quält sich die schönsten Jahre durch in Steinbrüchennach Marmorblöcken und Bänken, so daß zuletzt von allen beab-sichtigten Heroen des Alten und Neuen Testamentes der einzigeMoses fertig wird, als ein Muster dessen, was hätte geschehenkönnen und sollen. Raffael hingegen wirkt seine ganze Lebenszeithindurch mit immer gleicher und größerer Leichtigkeit. Gemüths-und Thatkraft stehen bei ihm in so entschiedenem Gleichgewicht,daß man wohl behaupten darf, kein neuerer Künstler habe so reinund vollkommen gedacht, als er, und sich so klar ausgesprochen Z."Goethe konnte bei dieser Darstellung an sich selbst denken, bei demwir die Universalität Raffaels, ein fast gleich großes geistigesAssimilationsvermögen wiederfinden, in dessen Dichtungen alle großenLeistungen fremder Nationen wiederscheinen und der außer vollendetenWerken, Versuche in allen Gattungen und Formen hinterlassen hat.Goethe unterscheidet sich von Raffael dadurch, daß er in seinenWerken als plastischer Dichter, Raffael aber in den seinigen alsdichterischer Maler hervortritt, daß die Werke des Letzteren aufeinem inneren Zusammenhänge beruhen, die des Anderen aber sichmehr zersplittern und in einer gemeinsamen Wurzel nicht Zu-sammenhängen.

Man hat sehr sinnreich den Leonardo da Vinci mit dem altenWahrsager Tiresias verglichen, der allein verständig unter denGoethe, Kunst und Alterthum II., 155.