Druckschrift 
Raffaels Disputa
Entstehung
Seite
31
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Der Kern bildet seine Schale, die Kunst ihre Form. Unter-ordnen will das Christenthum alle Gedanken und Empfindungenunter das höhere Gesetz der sittlichen Freiheit. Die Vcrkündigerinund Trägerin dieses Gesetzes, die Religion, ans das Innere, dieQuelle der sittlichen Freiheit hingewandt, umkleidet sich mit demGewände keuscher Sittsamkeit uud stiller Zucht, und überträgtdieses Gewand ans die jüngeren Sprossen, auf die Kunst überhauptund insbesondere auf die Kunst der Malerei.

Das Antlitz ist die Leuchte der Seele, der Spiegel des Geistes;aus dem Antlitz bricht der Lichtstrahl des höheren Lebens in seinerstärksten und herrlichsten Entfaltung hervor, und eben deswegenhat die christliche Kunst dem menschlichen Antlitz sich vornehmlichzugewandt und demselben'alle stillen Reize in dem höchsten Aus-druck verliehen, den sie zu verleihen im Stande ist. Die Un-bekanntschaft mit jenen Studien, welche die innere Beschaffenheit,die Struktur des menschlichen Körpers kennen lehren, war nicht derletzte Grund, warum die Maler des Mittelalters so geringenWerth auf die Nichtigkeit der Verhältnisse der Glieder des mensch-lichen Körpers legten, es war Absicht Alles zu vermeiven, wasden Blick von, dem Höchsten der Darstellung hätte abziehen, undin eine niedere Sphäre der Betrachtung hätte hinleiten können.Die Malerei, welche nichts malen wollte als Geist und Seele,die glaubte, der Schönheit, welche ans der Anatomie entnommenwird, entbehren zu können; sie wandte ihre Studien den Zuständendes Geistes zu, um daraus das verklärte Leben zu schöpfe», welchesso sanft und milde, welches so wunderbar ans ihren Bildernhervorleuchtet und uns die Geheimnisse der Seele abspiegelt. Ausdieser Quelle entspringt auch der tiefsinnige Charakter in diesenBildern, jene Eigenschaft, welche das höchste Lob in sich schließt,