Die griechischen Künstler waren weit günstiger znr Kunst ge-stellt, als die abendländischen. Der unermeßliche Reichthnm vonKunstwerken, von denen sie umgeben waren, konnte unmöglich ohneallen Einfluß auf ihre Kunstübung bleiben. Die fortdauernde Nach-frage nach solchen Werken erhielt sie in ununterbrochener Thätig-keit. Die künstlerische und materielle Technik, Wahl und Mischungder Farben, die Behandlung des Ganzen erhielt sich hier in leben-diger Ueberlieserung, der Jünger erhielt sie vom Meister, um denkünftigen Künstler in dieselbe einznweihen. Die Künstler des Abend-landes entbehrten der Muster, welche denen des Morgenlandes zuGebote standen. Durch die gewaltigen Ereignisse und Katastrophen,welche das Abendland zerrütteten und verwüsteten, wurde der Fadender technischen Ueberlieserung, der jedesmal nur schwer und mitMühe wieder angeknüpft wird, zerrissen, und hier war es, woder Künstler des Abendlandes von dem morgenländischen lernenkonnte und lernen mußte.
Durch Vasari war die Ansicht aufgekommen, die nachher all-gemein geworden, die Malerei sei Jahrhunderte lang im christ-lichen Abendlande verschwunden und außer Gebrauch gewesen, bisCimabue, durch Griechen belehrt, ihr plötzlich einen höheren Schwunggegeben. Man hat diese Ansicht für falsch erklärt, und dann allenEinfluß der griechischen Künstler auf das Abendland gelängnet,und so eine übertriebene Ansicht an die Stelle der anderen gesetzt H.
Die griechische Kirche ist frühzeitig in ihrer durch die Natio-nalität getragenen eifersüchtigen Haltung gegen die römische ihreneigenen Weg gegangen; sie charakterisirt diesen Gang durch daseiserne Festhalten an dem Hergebrachten, in dem Dogma wie inder Disciplin, in deni Kultus wie in der Kunst, während die la-teinische Kirche, wenn auch in ihrem Wesen unveränderlich, dochdem Gesetze der Entwickelung in der Disciplin, im Kultus wie imLeben keine absoluten Schranken gesetzt hat. Das was man byzan-tinischen Stil in der Malerei nennt, geht daher in seinem Kerne
S. v. Raumer a. a. O.