17
zung ging jene feste unbewegliche, »«biegsame, dunkle Maste hervor,welche das byzantinische Reich charakterisirt. Der absolute, ver-götterte römische Staat, der auf dem Grundsätze des absolutenRechtes beruhte und sich selbst Alles zum Opfer brachte, konntenaturgemäß mit der Liebe und Milde, wo jedes Individuum denStempel der Gottähnlichkeit an sich trägt und für sich zählt, nichtverschmolzen werden; er mußte, wie das in dem Abendlande ge-schah, völlig zertrümmert werden, um einem neuen Aufbau denPlatz einzuräumen.
Constantinopel sollte das neue Rom werden; um das neueRom durch die Kunst zu verherrlichen, ließ Constantin das alteRom ausplündern; was die kunstreichen Städte des freien Griechen-lands, was als Siegesbeute das allbeherrschende Rom geziert,was die Natur Seltenes und Kostbares erzeugt hatte, wurde hierzur Schau ausgestellt. Nicht blos der unendliche Neichthum anSchätzen der antiken Kunst, auch die Schätze der alten Litteraturwurden hier aufgehäuft. Aber diese Schätze der Wissenschaft warentodt, die Zeit war entflohen, man begnügte sich dieselben zu be-wahren, sie auszuziehen, sie zu mischen und sie zu entstellen. Willman sich eine Vorstellung von dem unermeßlichen Reichthum anKunstschätzcn und Werken des Kunstfleißes machen, welche in Con-stantinopel allmählig sich gesammelt hatten, so erinnere man sichdaran, daß ans dem Platze vor der Sophienkirche nicht wenigerals vier hundert sieben und zwanzig Bronzestatuen von alten Mei-stern aufgestellt waren, daß man später dort zwei und zwanzig großeöffentliche Gebäude, sieben und neunzig Palläste von weltlichenGroßen und dreihundert und fünfzig christliche Kirchen zählte, daßder Neichthum der Hagia Sophia an musivischen Gemälden, ankostbaren und ausgesuchten Marmorsäulen, an Leuchtern und Kron-leuchtern in Gold und Edelsteinen, an kunstreichen Kelchen undKelchtüchern wahrhaft unermeßlich war, daß unter diesen Kelch-tüchern solche waren, welche zwei und vierzig tausend Perlen trugen,daß jedes der vier und zwanzig Evangelien-Bücher mit seinemGoldbeschlag zwei Centner wog, daß sechs tausend Leuchter von
Braun, Disputa. 2