Druckschrift 
7 (1852) Comoedien
Entstehung
Seite
8
Einzelbild herunterladen
 

8

mir vor einiger Zeit auf eine Art deutlich geworden, die fürmich mit der ganz neuen Empfindung des tragischen Schreckensbegleitet war. Ich sah nämlich die Ausführung des Axur'sdurch eine vorzügliche Truppe, und freute mich besonders aufdas Zwischenspiel der komischen Masken. Meine Erwartungwar um so gespannter, da ich den Bouffon der Gesellschaftals einen in seiner Abart sehr geschickten, ja oft frechen Spaß-macher kannte.

Aber wie fand ich mich getäuscht; der selige Harlekin thatvor meinen Augen ein Mirakel, und bestätigte meinen Glauben,daß er nicht gänzlich aus der Zahl der heiligen *) Märtyrer zuverwerfen sei. Kaum hatte der profane Bouffon den freudigenbunten Ornat Sanct Harlekin's angelegt, als ihn eine außer-ordentliche Traurigkeit überfiel, seine tölpelhafte Beweglichkeiterstarrte, er fühlte Blei an Händen und Füßen: er, der sichsonst in der Genügsamkeit seiner Gönner für einen Gott hielt,bekam zum ersten Mal atheistische Zweifel an dem Dasein einesPublikums, und stand als ein gräßliches Beispiel der Strafedes Himmels, ein wahrer Gegenstand christlichen Mitleides, vorden Augen aller frommen Zuschauer. So war die Geschichtedieses merkwürdigen Mirakels, welche ich allen Bouffons alswarnendes Beispiel zur Bekehrung hiehcr setze.

Aus der oben angeführten Ansicht entstand nun vorliegendesLustspiel, ich zweifle gänzlich, daß es etwas Komisches enthalte,da mir bis jetzt das Komische nicht vor Augen gekommen ist,und ich daher mit einigem Rechte vermuthen darf, das Komischemüsse entweder unsrer edlen Zeit nicht würdig, oder unsre edleZeit das Komische selbst sein. Ich möchte beinahe das Letzterefürchten; da in diesen Zeiten die Künste, und besonders diedramatische, nützlich dazu angehalten werden, unsere Begierden

*) Er wurde, wie bekannt, in der Christenverfolgung unter Gott-scheds Regierung zu Leipzig durch die Ncuberin auf demTheater öffentlich verbrannt.