46 Schweizerische Geschichte von 1790—1815
franz. Einfluß das Übergewicht, und Rom lenkte die ihm ergebenen Gemüther durchdie Jesuitencollegicn zu Luzern und Freiburg, insbesondere durch die päpstl. Nun-tiatur zu Luzern (seit 1580). Im dreissigjähr. Kriege behaupteten die Eidgenosseneine kluge Neutralität; endlich ward im wesisälischen Frieden 1648 die selbständigeAbsonderung der Schweiz vom deutschen Reiche feierlich anerkannt. Hierauf er-neuerte Frankreich 1663 seinen Bund mit den Schweizern, und behauptete jetzt,daß sie kein Recht hätten, mit andern Mächten Bündnisse zu schließen. Durch dieEroberung der span. Freigrafschaft Burgund (1675), durch die Belagerung Rhein-seldens von den Franzosen (1678), durch die Erbauung der Festung Hüningen1679 wurden manche Besorgnisse bei den Schweizern erregt. Indessen behaupte-ten doch die Schweizer glücklich ihre Neutralität selbst im spanischen Erbfolgekriege(1701 —14), und achteten bei der Verfolgung der Protestanten in Frankreich(seit 1685), die sie willig aufnahmen und mit Reisegeldern unterstützten, so wenigauf Ludwigs Federungen, der die Reformirten als Rebellen betrachtet wissenwollte, wie der König auf die Verwendung der Protestant, schweizerischen Eantonezum Besten ihrer Glaubensgenossen geachtet hatte. — So wenig Einfluß dieSchweizer übrigens im 18. Jahrh. auf fremde Staatsverhältnisse hatten, so wenigwurden auch sie bis zu dem letzten Jahrzehcnd von außen her beunruhigt. Dieserfriedliche Zustand, welcher jedoch durch häufige innere Misshelligkeiten unterbrochenwurde, war eben so günstig für Gewerbe, Landbau und Handlung wie für Wissen-schaft und Künste. Fast in allen Fächern des menschlichen Wissens erwarben sichdie Schweizer des 18. Jahrh. sowol zu Hause wie im Auslande glänzende Ver-dienste. Haller, Bonnet, Bernoulli, I. I. Rousseau, Lavater, Bodmer, Breitin-ger, Geßncr, Sulzer, Hirzel, Füßli, Hottinger, Joh. v. Müller, Pestalozzi undviele A. haben sich in der Geschichte der Literatur und der Kunst unsterblich gemacht.Auch bewahrten ihnen noch ihr frischer Natursinn und die Innigkeit ihres Fami-lienlebens mitten unter den Einflüssen des Auslandes das angestammte Erbtheilihrer Väter: Redlichkeit, Freimut!) und Vaterlandsliebe. Die Bewohner der de-mokratischen Eantone genossen einer fast unbeschränkten Freiheit und Theilnahmean den Staatsgcschäften, wie sie nur in kleinern Staaten denkbar ist. Die gemei-nen Herrschaften oder diejenigen Orte, welche unter dem gemeinschaftlichen Schutzeder Eidgenossen standen, waren mit sehr geringen Auflagen belastet und erfreutensich eines hohen Grades bürgerlicher Freiheit und vieler Municipalitätsrcchte, welcheden Geist der Örtlichkeit befriedigten. In den größer» Cantonen, z. B. Bern,Zürich ic., wo die Regierung in den Händen ihrer Hauptstädte oder eines Theilsihrer Bürger war, die außerdem noch manche Vorrechte genossen, herrschte blühen-der Wohlstand. Nirgends kannte man drückende Auflagen, aber fast allenthalbeneine gewissenhafte öffentliche Verwaltung, eine einfache, mit wenig Kosten verbun-dene Rechtspflege und wohlthätige Anstalten für die Hülfsbedürftigen.
Bei allen diesen Vortheilen dauerten die alten inner» Mißhelligkeiten fort, undneue Unruhen erhoben sich von 1790 an, wodurch das Staatsgebäude erschüttert,sogar häufig Blut vergossen und Strafe nothwendig ward. So standhaft dieSchweizer übrigens während des Nevolutionskrieges ihre Neutralität sowol gegenFrankreich als gegen dessen Feinde behauptet hatten, so wurden sie doch nach undnach durch franz. Gewalt und List ihrer bisherigen Verfassung beraubt, und nach-dem die Franzosen mehre Theile der Schweiz mit ihrer und der cisalpinischen Re-publik vereint hatten, in Eine und untheilbare helvetische Republik ver-wandelt, an deren Spitze ein Vollziehungsdirectorium von 5 Personen die Regierungbesorgte. Die gesetzgebende Gewalt war zwischen einem Senat und einem großenRath, für welche jeder der 14 Eantone 12 Mitglieder wählte, vertheilt. Vergeben-suchten einzelne demokratische Eantone erst jetzt die Staatsumwälzung ihres Vater-landes zu hindern. Sie wurden bald besiegt. Aber die Bedrückungen der Franzosen,