§. 368. Verfall der Religio» und Theologie in Frankreich rc. 341
§>affe gegen das Christcnthum erfüllt war, der christlichen Kirche völligeVernichtung; ihr Losungswort war : IN rase/ I'iiikamel (die christliche Reli-gion oder Christus selbst.) An ihre Spitze stellte sich der junge talentvollePoet, Maria Franz Arouct, der sich Voltaire nannte, und nach derVersicherung seines Lobredncrs Condorcet geschworen hatte: „sein Lebenzuni Sturze des Christenthuines und aller positiven Religionen anzuwenden."Daher war auch sein Hauptthcma, die christliche Religion sei ein Betrug derPriester'), welches er in frivolem Spotte und beißender Satyrc in verschie-denen Variationen ausführte HP 1777). Seine vorzüglichsten Genossen warend'AIcmbert, der die Religion mehr auf versteckte Weise untergrabenwollte, Diderot, der den Atheismus offen bekannte, und Damilavillc,den Voltaire selbst einen „Hasser Gottes" nannte. Unter der Leitungder beiden crstcrn entstand das Hauptwerk dieser Partei, die Encyklopä-die, welche neben manchen vortrefflichen Leistungen vorzugsweise jene Ge-sinnungen allgemein verbreitete. Selbst bei Anführung von Stellen ausSchriften Anderer erlaubten sich die Encyklopädisten jedesmal den Ausdruck,Gott, Vorsehung u. a. in „Natur" umzuändern. Durch Condillacfs 1780), Helvctius, den lasterhaften Julian Osfroy delaMet-trie wurde der entschiedenste Materialismus verkündet. Gott war ihnen dieNatur; der Geist des Menschen galt ihnen als ein Erzeugnis? der Materie,alle Religion für Erfindung und Politik schlauer Priester und für das Eigen-thum der Dummköpfe. Leider hat auch B ü ffon in seiner NaturgeschichteGott oft genug als eine sich selbst gebärende Natur, uud der Astronom LaLande die Gesetze eines Himmels ohne Gott verkündet, und in VerbindungmitVolney und Dupuis die Existenz biblischer Personen geleugnet, dieevangelische Geschichte in einen astronomischen Traum verwandelt. Rous-seau (P 1778) sprach von den Ideen des Christenthums oft mit Würde undAchtung; desto entschiedener aber lehnte er sich in seiner Schrift „Einil odervon der Erziehung" gegen das Geschichtliche desselben auf, griff die Wunderin den Evangelien an und behauptete: die biblische Geschichte enthalte soviel Widersprechendes, daß cs ein vernünftiger Mensch unmöglich annehmenkönnet. Noch feindseliger aber zeigte er sich gegen das Christenthum inseinem «eontrat soeiasi» wo er der christlichen Religion zur Last legte: siehabe die Einigkeit im Staate aufgehoben, die Bürger ihrem Vatcrlande ab-wendig gemacht, Tyrannen begünstigt und die kriegerischen Tugenden ge-schwächt. Endlich bildete sich noch die politische Sekte der Ockouomistenoder Physiokratcn, welche in gleicher Opposition gegen das Christenthumunbeschränkte Freiheit des Handels und der Gewerbsthätigkeit, sowie völligeGleichheit der Staatslasten verlangte.
Die Kirche Frankreichs war durch solche Vorgänge tief erschüttert wor-den ; der Mauriner Labat (P 1803) und der berühmte Prediger Neuvillewarnten beredt vor dem herannahcnden Zeitpunkte, da der Thron der Königeund der Altar Gottes zugleich umgestürzt werden würden. Der versammelteKlerus (1765 u. 1770)) zeigte dem Könige Ludwig XV. die verderblichstenSchriften der Freigeister an') und schlug Mittel vor, wodurch die Fortschrittedieses dämonischen Bundes gehemmt werden könnten. Eine bald darauf er-
1) St a r k - B u ch sc l n e r S. 34 ff. Lobramo, T. I. p. 300 sg.
Vvltaii-o, particularites eurieuses Oe na. vie et äs sa. mort etc. Dar. 817.
2) Stark - B u ch feln cr S. 80 ff.
3) Lvertissewsnt clu clerge ele brunce sur Iss äangsrs äs I'iuerväulits.