Druckschrift 
Universalgeschichte der christlichen Kirche : Lehrbuch für akademische Vorlesungen
Entstehung
Seite
516
Einzelbild herunterladen
 

1

516 2. Zeitraum. 1. Periode. 2. Zeitabschnitt. 6. Capitcl.

Mitglied derselben, Namens GirarduS, erklärte dem EB. Hmberjvon Mailand (102746): der Sohn Gottes sei die von Gott geliGHnd erleuchtete Seele, der h. Geist daS andächtige Verständniß der h. Schrift.Die Geburt Jesu Christi von der Jungfrau, seine Empfängnis durch dcnhGeist entspräche der Geburt des göttlichen Lebens in der Seele aus der hSchrift vermittelst des rechten, vom göttlichen Lichte ausgehenden VerstandniffeS. Und dieser mystisch-idealistischen Richtung entsprechend, erklärte erauch noch, sis hätten einen Priester, doch nicht den römischen; sondern einenandern, unmittelbar von Gott gesandten, welcher täglich ihre in der ganzenWelt zerstreuten Brüder besuche, und von diesem empfingen sie auch Sün-denvergebung. Außer diesem ihrem Priester , der keine Tonsur habe, kenn-ten sie keinen ärgern, eben so wenig ein anderes Sacrament. Auch inGoSlar') wollte man Manichäer entdeckt haben (um 1050), welche denGenuß alles Animalischen für unerlaubt hielten. Um der weitern Verbrei-tung zu steuern, wurden sie auf Befehl Heinrichs III. hingcrichtet).Dieses Verfahren, das bei seiner ersten Anwendung gegen Priscillian so all-gemeine Mißbilligung erregt hatte (s. S. 353.), schien nun nach dem mittel-alterlichen Staatsrechte allgemeine Sitte zu werden ; die dagegen erhol«Stimme des B. Wazon von Lüttich (st 1048) verhallte jetzt unter verän-derten Zeitumständen spurlos ').

§. 212. Rückblick.

Wenn die Entwickelung des christlichen Geistes bei den Germanen nichtso schnell erfolgte als bei den Griechen und Römern, so liegt der Grundhievon vorzüglich in dem verschiedenen Bildungsstande, worin die erstemund die'letzteren zum Christenthume gelangten. Hiezu kamen noch die Staa-tenerschütterungen durch die Völkerwanderung, die spätere Auflösung desfränkischen Reiches, das Vordringen der Sarazenen, die Verwüstungen derNormannen und Ungarn, vielfache innere Parteikämpfe u. a. Ereignisse.Werden diese Umstände berücksichtigt, so darf man mit der EntwickeliuigS-stufe des christlichen Lebens am Ende dieser Periode nicht unzufrieden sein.Ausbrüche der Rohheit wurden durch die Kirche gezügelt; selbst das Volkerfaßte die hohen Erscheinungendes christlichen Lebens, nahm TheilanderBekämpfung mannigfacher Gebrechen der Zeit. Alles sehnt sich nach einemBefreier, nur die schlechte Geistlichkeit und die mit ihnen verbundenen Für-sten nicht. Darum begrüßte man freudig den in seiner Macht und seinemEinflüsse wachsenden Papst, der allein den Muth und die Kraft besaß, dieGrundübel in der Kirche und in den Staaten in der Wurzel anzugm'fen. Hieund da bekundete sich ein kühnes Anstreben nach Wissenschaft, das Bedürfnißeiner Liefern Erfassung der Dogmen; einzelne hervorragende Gestalten wei-sen bereits aus eine reiche, bedeutungsvolle Zukunft hin; derAdvptianiS-mus, der Streit über die Prädestination und die Abendmahls-lehre entwickelten vielen Scharfsinn. Die Kirche hat bereits das weltliche

1) He-Mannr Oontr. cbrou. all u. 1052. (19r«torrn8-Kr«ne, ,1. I.A ^31

2) Dieser Zusammenhang mit den altern Paultciancrn u. dadurch nut dm

Manichäern wird ziemlich allgemein angenommen nach M<rator( antMck. 1.V. x. 83 8g. Gibbon, Gesch. des Verfalls u. s. w. Cap. 54. (Schreit»«Ucbers. Th. 15. S. 367 ff.) , ..

3) Ossta. Lxisooxor. Lsoäisns. o. 59. (Martens st Uroranck. unipliss. eonociio.1. IV- x. 898 8g.) Uebcr Wazon s. käst. litt, äs Graues. V. VII. x. 588 »4