Druckschrift 
Universalgeschichte der christlichen Kirche : Lehrbuch für akademische Vorlesungen
Entstehung
Seite
60
Einzelbild herunterladen
 

60 Dic alte Welt, Borballe z. Gcsch. d. Christenth.

in der Wüste belebt durch die Stiftshütte, jenen tragbaren Tempel, inwelchem die Kinder Israels dem Herrn des Himmels und der Erde ihre Ge-lübde darbrachtcn. Das fortgesetzte Gedächtniß der großen geschicht-lich e n Thatsachen sollte Ichovah wie als den Schöpfer und Herrndes Himmels und der Erde, so als den bnndesgetrcuen Gott und König Is-raels immer wieder von neuem verkünden; die Feier des Sabbats dasGedächtniß der Schöpfung erneuern (Erod. 20, 811.); das Passah(Levit. 23, 5 ff. Erod. 23, 15.) die wunderbare Befreiung aus der ägypti-schen Sklaverei und die Verschonung der Erstgeburt dem Gemüthe vorfuhren;das Laub hüttenfest (Levit. 23, 34 ff. vgl. Deut. 8, 15 ff.) die 40jähri-gen Führungen, Züchtigungen und Wohlthaten in der Wüste lebendig verge-genwärtigeu. Alles dieses, so wie das jährliche Erstlings- und Dank-fest für die Erndte (Pfingstfest), die verschiedenen Dank-, Bitt- undFreudenopfer und ganz besonders das Institut der täglichen Brandopfer(Erod. 29, 38 ff. Num. 28, 3.) sollten Israel unablässig an sein Verhältnißzu Jehovah und seine Verpflichtungen erinnern. Und in dem Gesammtin-halte des Gesetzes hielt Gott den Israeliten einen Spiegel vor, der ihrBild treu und lebendig zurückwarf. Aus den 284 Geboten und den 365 Ver-boten erkannten sie die Zahl und das Bia ihrer Vergehungen, wie auchder dafür angedrohten Verdammungen. Wohl erhielten sie so durchdas Gesetz, das ihnen bei verschiedenen Gelegenheiten immer von neuem ver-kündet ward, Erkenntniß der Sünde (Röm. 3, 20.; 7, 7.) und ihresfleckenvollen Innern, aber nicht zugleich die Kraft, jene zu meiden und diesesvollkommen zu reinigen. Das Gesetz war gebieterisch strenge, und kanntedie G n a d e nicht (Joh. 1, 17. Gal. 3, 13.).

Der durch das Gesetz crregtcZwiespalt im Bewußtsein des Juden, das stetssich sündig fühlt und doch den Besitz der Gerechtigkeit für nothwendigerkennen muß, erzeugte die Sehnsucht nach Versöhnung durch Entsündigung,und führte so von selbst zu dem Institute des H o h en p ri est er t h u m ö, alseinem wesentlichen Bestandtheile der religiösen Verfassung. Jährlich einmalging der Hohepriester in das Allerheiligste (Levit. o. 16. Hebr. 9, 7. 25.),um durch ein Opfer die Sünde des Volkes zu sühnen; und durch ihn wurdenBitten und Gebete Gott dargebracht, durch ihn Vergebung, Versöhnungund Segen im Namen Gottes ausgesprochen.

Dennoch war dic so schmerzlich verlangte Wiederversöhnung des Menschenmit Gott durch das Gesetz und das auf demselben ruhende Priesterthum nichtmöglich. Nicht das Werk des Gesetzes, das er nicht erfüllte (Röm. 7, 16.),konnte ihn gerecht machen; das Gesetz offenbarte vielmehr durch Anhäufungseiner Verbote die sündigen Aeußerungen nur noch mehr (Röm. 7, 7 ff.).Auch nicht die blutigen Thieropfer konnten die Sünde tilgen, innerlich nichtgerecht, vollkommen und heilig machen, sondern nur ein Solcher, in demkeine Sünde ist, der daS ganze Gesetz erfüllt und höher als der Himmel ist,konnte wahrhaft von Sünde und Schuld befreien. Die Ausschließung Moses,des Mannes Gottes, vom gelobten Lande, diente recht eigentlich zum Beweise,daß sein Gesetz nicht vollkommen mache. Doch verhieß es auf seiner höch-sten Stufe in weiter Ferneeinen Propheten wie MoseS, den derGott Israel aus ihnen erwecken würde; auf Diesen sollten sie hören."(Deut. 15, 18.). Auf jenen Einen, welcher dem Namen nach in Josua,der das Volk.Gottes in das gelobte Land einführte, vorgebildet ist, war da-rum das ganze Gesetz eine große Weissagung, und daher ist die