Druckschrift 
6 (1830) K bis L
Entstehung
Seite
389
Einzelbild herunterladen
 

389

Lafontaine (Jean)

spätem weit übertreffen, gelesen hat, die übrigen entbehren kann. Auch fangenviele seiner aus der bürgerlichen Wirklichkeit genommenen Charaktere nun zu alternan, entweder weil sie in eine frühere Zeit gehören, oder weil die Überspanntheit derEmpfindung zur Ehre unserer Zeit dem kräftigen Thatentriebe weicht. L.'sIndividualität scheint mit seinen Schriften in einem seltsamen Contraste zu stehen;denn man findet an dem launigen und fröhlich unterhaltenden Gesellschafter schwer-lich eine Spur von der in seinen Romanen herrschenden Empfindsamkeit. Auch istseine Biederkeit von Allen, die ihn kennen, anerkannt. Durch s. Bearbeitungdes AschylosAgamemnvn" und derKoephoren" mit geistreichen Erläuterungen(Halle 1.821 fg., 2 Bde.) hat er eine nach eigenthümlichen Ansichten vorgenom-mene Kritik des Textes zu begründen gesucht.

Lafontaine (Jean), Fabeldichter und Erzähler, geb. zu Chateau-Thierry1621, wollte sich in seinem 19. I. dem geistlichen Stande widmen, entsagte diesemEntschlüsse aber bald. Er war in einem Alter von 22 I. noch völlig unbekannt mitseinen Talenten für Poesie, als er die schöne Ode Malhcrbe's auf die ErmordungHeinrichs I V. hörte, die plötzlich den in ihm schlummernden Dichterfunkcn erweckte.Aufgemuntert nach seinem ersten Versuche von einem Anverwandten, sing er an,die besten franz. und ausländ. Schriftsteller alter und neuer Zeit zu lesen. DieScherze Rabelais's, die Naivetät Marot's und die ländlichen Gemälde d'Urfö's zo-gen ihn vor allen an, und bald zeichnete seine Dichtungen dieselbe Einfachheit, Treu-herzigkeit und Naivetät auS, die er an jenen bewunderte. Nie hat sich ein Schrift-steller getreuer in seinen Werken gezeichnet als er. Sanft, aufrichtig, natürlich,leichtgläubig, furchtsam, ohne Ehrgeiz, ohne Galle, Alles zum Besten kehrend,war er einfach, wie die Helden seiner Fabeln. Er sprach wenig und unbeholfen,ausgenommen, wenn er sich unter Vertrauten befand, oder wenn das Gespräch ei-nen Gegenstand berührte, der seinen Geist zu erwärmen vermochte. Er vcrheica-thete sich mit einem schönen und geistreichen Frauenzimmer. So sehr er ihre Eigen-schaften schätzte, so entfernten ihn doch seine Vorliebe für die Hauptstadt und seinHang zur Awanglosigkeit von ihr. Die Herzogin v. Bouillon, die zu Chateau-Thierry in der Verbannung lebte, hatte ihn rennen gelernt, und nahm ihn, als siezurückgerufen wurde, mit sich nach Paris. Hier war der Intendant Foucquct seinerster Wohlthäter. L. hat das Unglück dieses Mannes, das ihn durch die Ungnadedes Königs traf, in einer rührenden Elegie beklagt. Er trat darauf in die Diensteder bekannten Henriette von England, nach deren Tode es sich mehre Große zurEhre rechneten, für seinen Unterhalt zu sorgen. An den reichlichen Wohlthaten aber,die Ludwig XIV. den großen Geistern seiner Zeit zutheilte, hatte L. keinen Theil;seine kunstlose Einfachheit konnte diesen Fürsten nicht anziehen, auch dachte er nichteben daran, sich bei Hofe einzuführen. An Paris fesselten ihn die Freuden der Ge-sellschaft und seine Verbindungen mit den trefflichsten Geistern seiner Zeit. Jähr-lich machte er im Sept. eine Reise zu seiner Frau, und jedes Mal verkaufte er einenTheil seiner liegenden Gründe, ohne sich mit Sorgen für das Übrigbleibende zu be-lästigen. Er schloß nie einen Mieth - oder Pachtcontcact ab. Diese Sorglosigkeiterstreckte sich auf sein ganzes Betragen und machte ihn zuweilen selbst unempfind-lich gegen das Ungemach der Witterung. Die Herzogin v. Bouillon sah ihn, als sieeines Morgens nach Versailles fuhr, träumend unter einem Baume am Wegesitzen, und als sie Abends zurückkam, fand sie ihn noch an demselben Orte und in der-selben Stellung, wiewol eS den ganzen, sehr kalten Tag über geregnet hatte. Seine, Zerstreutheit soll so groß gewesen sein, daß sie ihn zuweilen des Gedächtnisses, jai selbst der Urthcilskcaft beraubte. Er starb zu Paris 1695. Unter den herrlichen; Werken, die wir von diesem unnachahmlichen Dichter noch übrig haben, stehen seineErzählungen und vorzüglich seine Fabeln oben an. Er wollte durch sie gute Lehrenrecht eindringlich machen. Daher sagte er auch:Une mvrals nu« apport« «l«