Kandia
2V
sischem Leichtsinn die Gefahr am unrechten Orte aufsuchten und meist den Todfanden, und spater auch der Gras von Waldcck 3 Regimenter lüneburger Trup-pen herbei, wodurch die Besatzung stets 8000—10,000 M. stark erhalten ward.Durch Vcrrathcrei erfuhren die Türken, daß sie Bastionen St.-Andre und Sabio-netta die schwächsten Punkte der Festung wären; sie griffen daher die letztgenann-ten Werke an. Von dem bisher gewöhnlichen Verfahren abweichend, näherten siesich der Festung dadurch, daß sie durch eine große Menschenmenge einen tiefen Gra-ben aushebcn, die Erde gegen die Plätze zu werfen, und nun dieselbe mit Schaufelnimmer weiter vorbringen ließen, bis sie mit dieser Erdwalze den« Graben nahe ka-men und diesen ausfüllten. Muthige Ausfälle und geschickt angebrachte Minenhielten indessen die Türken lange zurück und zerstörten oft ihre Arbeiten; als cSihnen aber endlich gelang, sich auf der Bastion St.-Andrb festzusetzen, stießen sieauf starke Abschnitte, welche die heftigsten Stürme vereitelten, und der Winter fandabermals die Belagerer nicht weiter vorgedrungen, als sie es im vorigen waren. ImFrühling 1669 setzten die Türken ihre Arbeiten langsam, aber sicher und glücklicherfort; bald war den Venetianern von der Bastion Andrö nichts als ein Hause» Erdeund Steine übrig, und ihr letzter Schutz nur ein zweiter, während des Winters alsGeneralabschnitt aufgeworfener Wall. In dieser höchsten Noth erschienen die Her-zoge von Bcaufort und Navailles mit einer sranz. Flotte von 7000 M. Landtcup-pen. Ein verzweifelter Ausfall ward mit dieser neuen Hülse unternommen. EineMine, die zum Signal dienen und die Türken in Verwirrung bringen sollte, floginvesscn nicht aus, ein türkisches Pulvermagazin dagegen gerieth, als die Franzosendie Trancheen schon erobert und einen Angriff der Türken, sie wicderzunehmen, ab-geschlagen hatten, in Brand, und erregte unter den Franzosen eine so große Furcht,überall auf Minen zu stehen, daß sie in wilder Flucht der Festung zueilten und200 Todte, worunter viele tapfere Officiere und der Herzog von Beausoct waren,auf dem Platze ließen. Zugleich gerieth die christliche Flotte, die aus 80 Schiffenund 50 Galeeren bestand und das türkische Lager in die Flanke nehmen sollte, durchdie Küstenbatterien und durch das Auffliegen eines Schiffes von 70 Kanonen inUnordnung, und der Ausfall mißlang gänzlich. Dies vermehrte die schon früherbestandene Zwistigkeit der christlichen Generale bis auf den Grad, daß der Herzogvon Navailles, überzeugt, daß die Rettung der Franzosen unmöglich sei, seineCorps einschiffte und nach Frankreich zurückkehrte. Einzelne Soldaten der andernTruppen schloffen sich an die Franzosen an, die Malteser und fast sämmtlicheFreiwillige zogen bald darauf auch ab; ein Sturm der Türken glückte besser alsdie frühern und brachte sie bis an die Palissaden des letzten Abschnitts, die kaumnoch 3000 M. zählende Besatzung ward muthlos und schwierig, Zwistigkeitenveruneinigten die Befehlshaber, und alle Anzeichen verkündeten, daß der Platz beimnächsten Sturme fallen müsse. Ein Kriegsrath beschloß daher die Übergabe. DieCapitulation gewährte der Besatzung und den Einwohnern freien Abzug binnen12 Tagen, und Mitnahme alles Eigenthums, auch des Geschützes, das währendder Belagerung in die Stadt gekommen war, sowie den Venetianern den Besitzder Plätze Suda, Garabusa und Spina longa. Den 27. Sept. 1669 wurde dieStadt nach einem Kriege von 25 Jahren, nach einer Einschließung von 13 I. undnach einer Belagerung, wo die Trancheen 2 Jahre, 3 Mon., 27 Tage lang offengewesen waren, übergeben. Ihre Vertheidigung muß als eine der tapfersten,welche die Geschichte kennt, den spätesten Jahrhunderten zum Muster dienen, undzeigt zugleich, was selbst in Zeiten, wo die europäische Kriegskunst unvollkommen,das türkische Reich dagegen in seiner Blüthe war, christliche Tapferkeit gegen os-manische Wuth und Mehrzahl vermochte. Nur 2500 Soldaten waren beim Ab-züge der Besatzung noch übrig, 30,985 Christen, 118,754 Türken dagegen wah-rend der Belagerung getödtct oder verwundet worden; 56 Mal hatten die Türken