Weiber voll Unzucht lebten, war selbst geistlichen und weltlichenObrigkeiten anstößig und ward untersagt. Doch sah man der-gleichen Züge über hundert Jahre lang in allen Ländern.
Und bei dem Allem konnten jene Menschen, die inner oderaußer den Klostermaurrn sich durch Fasten, Beten, Geißeln,durch Vcrzichrleistung auf alle Lebensanmuth, durch freiwilligeArmuth, durch Entsagung des ehelichen Standes zu heiligen ge-dachten, noch als diejenigen angesehen werden, welchen es umwahre Religion, um die von Jesu Christo empfohlene Selbstüber-windung am meisten zu thun war. Obgleich ihreHandlungsweise,ihr unnatürliches Verfahren gegen sich, auf einem Mißoerftändnißberuhte, ist doch selbst in düsem Mißverständnisse ihr stai ker Wille,ihre Sehnsucht, Gott zu gefallen, ehrwürdig geblieben. Undgewiß Liesen edeln Willen, nicht das Mißversiändniß, sah Gottan. Ein weiser Unterricht, durch welchen sie aus der Unmündig-keit erhoben worden wären, hätte sie, bei der Kraft ihres Stre-bens nach Heiligung, zu den tugendhaftesten Nachfolgern desHeilands gemacht. Und Viele, sehr Viele waren in der Thattugendhafte erhabene Menschen, die nicht nur bei Fasten undGeißeln es bewenden ließen, sondern ihr ganzes Leben liebreichdem Wohl ihrer Mitmenschen widmeten, und sich Alles versagten,um Andern desto mehr Gutes leisten zu können. Daß sie in denäußerlichen sogenannten Bußwerk.n zu weit gingen, war der Irr-thum und die Wirkung des Zeitalters, nicht ihres schönen Gemü-thes. O tadle doch Niemand jene frommen Menschen, die allerWeichlichkeit, ja ofc dcn nöthigsten Lebensbedürfnissen entsagend,ihr ganzes Dasein zu einem langen schmerzlichen Selbstopfcrmachten! Es war ein Opfer, das sie nicht ohne Kampf Gottbrachten. Wie wenige Menschen in unsern Tagen wären wohlsolcher Entschlossenheit aus rein religiösem Sinne fähig!
Jedoch auch in jenen Tagen der Barbarei hatte sich bei weitemder größte Theil der Christenheit eine bequemere Religion gemacht.Sie war weniger eine Feindin als gefällige Dienerin der Sinn-lichkeit. Wer dlc Taufe empfangen und das Glaubensbekenntnißerlernt hatte, glaubte auch schon Christ zu sein. Man befriedigtesich mit leiblichen Uebungen und Zeremonien-Beobachtungen,