427
nachdem ihnen die Ohren jucken; und werden dieOhren von der Wahrheit wenden und sichzu denFabeln kehren. (2. Tim. 4, 3. 4.) Nur zu früh ward seinebange Furcht und Bcsorgniß durch die Schicksale und den verderb-ten Zustand der Kirche gerechtfertigt. Erst stritt man sich um diePersönlichkeiten Jesu Christi, dann um die Geheimnisse in derGottheit, und vergaß über die Person des Heilandes die Sacheund den Zweck desselben auf Erden, und über das Geheimnißdes göttlichen Wesens das geoffenbarte Mittel, Gott ähnlicherzu werden. Nachdem ward sogar um geringere Dinge gestritten:um Heilige, um Bilder, um Zeremonien, zuletzt um Kirch-sprenge!, um reiche Einkünfte, um obrigkeitliche Gewalt undweltliche Gerichtsbarkeit. Die Religion schien nur noch vorhan-den zu sein, um dem Stande der Geistlichkeit ein bequemesLeben, reiche Pfründen, Sorglosigkeit, Einfluß auf den Staatund auf Familien, Vergnügen und Auszeichnung jeder Art zuverschaffen; oder zum Deckmantel der gröbsten Ausschweifungen,zum Vorwanö der schändlichsten Verbrechen, zur Heiligung derniedrigsten thierischen Begierden zu dienen.
Wre Christus einst lehrend auftrat, schied er Alles, wassich in der Welt befindet, gleichsam in zwei große Hälften: indas Irdische oder Veränderliche, und in das Göttliche oderEwige. Der Mensch steht wunderbar zwischen beiden Welten;mit dem Leibe gehört er dem Irdischen, mit dem Geiste demGöttlichen zu. Und auf dieser allgemein anerkannten Wahrheit,welche auch sogar von den Heiden nicht geläugnet wurde, erhobsich das Ganze der Lehre Jesu.
Denn wie der Geist in uns das Höhere und Ewige ist, soller eben so gut emporstreben, wie der Leib zur Erde und Thor-heit nicdcrstrebt; der Leib soll nicht den Geist, sondern derGeist den Leib beherrschen, weil der Geist nicht um des Leibeswillen, sondern der Körper um des Geistes willen vorhandenist. Aber das war das große Elend der Welt, daß das Fleischüber den Geist siegend geworden, dieser mit seinen herrlichenEigenschaften bloß ein Diener irdischer Wünsche, und hingegenGott und das Göttliche vergessen war. Darum sandte der ewige