215
der Möglichkeit und den Gesetzen der Vernunft geradezu wider,streitet. Wir sind befugt, es als wahr zu glauben, auch wennes nicht mit unsern bisherigen Erfahrungen übereinstimmt.Denn Vieles ist möglich, wovon der enge Kreis unserer Er,fahrungen keine Beispiele ausweiset.
Wenn Thomas nicht den ersten Berichten von der Auf,erstehung seines göttlichen Freundes glaubte, war es weiseVorsicht. Aber als ihm alle seine Freunde, diese frommen,tugendhaften, vorher selbst ungläubigen Männer, die Wahrheitvon der Wiedererscheinung Jesu im Leben betheuerten, und erdennoch ihre gewissenhaften Zeugnisse hartnäckig verwarf, ginger in der That zu weit. Wäre ihm Jesus nachher nicht selbererschienen, würde er an den Wiedererstandenen nicht geglaubt,und das reine Herz oder den gesunden Verstand aller übrigenJesusschüler verdächtig erklärt haben. Er beharrte darauf, erwollte den für auferstanden Ausgegebenen selber sehen, selberbetasten, ehe er glaubte.
So gewiß Glaube der erste Weg zur Wahrheit ist, so istZweifeln der sicherste Weg zur Erkenntniß des Wahren.Durch den vorsichtigsten Glauben kann uns neben der Wahr,heit auch mancher Irrthum zugeführt werden. Denn wennauch wirklich Alles, was uns einsichtvolle und grundrechtlicheLeute versicherten, strenge Wahrheit gewesen, können wir siedoch mißverstanden und mit ihren Worten ganz andere Vor-stellungen verbunden haben. So kann aus dem Glauben derZweifel entspringen, und aus dem Zweifel wieder das festereGlauben. Dies ist die gewöhnliche Geistesgeschichte fast jedesdenkenden Menschen. Oder wer ist, der nicht früher oderspäter, wenn er aus der Kindeszeit, die Alles treuherzig an-nimmt, ins reifere Alter trat, Vieles von dem, was er fürWahrheit gehalten, als Irrthum erkannte, und nun dadurchzum Zweifel über Dinge gereizt ward, die ihm noch nicht ent,schiedener Irrthum waren?
Zweifeln ist eine vorsichtige Wahrheitsliebe, ist ein weisesMißtrauen gegen das, was noch unentschieden ist. Das Zweifelnist löblich. Es ist ein Vorschritt zur Vollkommenheit der Er,