Maria Magdalena, unbekümmert um diese Anstalten alle,eilte dennoch dahin. Ihre zärtliche Ungeduld, die Leiche desheiligen Freundes, des unschuldig Hingerichteten, noch einmalzu sehen, vergaß den Stein und die Kriegsknechte. Es that ihrschon wohl, nur in der Nähe der theuern Asche des Hochgeliebtenverweilen zu können.
Sie kam dahin. Mit Erstaunen und Freude sah sie nichtnur keine Kriegsknechte, sondern auch das Grab offen, denStein hinweggewälzt. Ihre übrigen Freundinnen waren nochweit hinter ihr zurückgeblieben. Sie erwartete dieselben nicht,sondern eilte mit beflügelten Schritten zum Grabe in das offeneFelsgewölbe hinein. Aber er war verschwunden, den sie suchte.Noch lagen die Leinentücher da, in welche der entseelte Leich-nam gehüllt gewesen; und das Schweißtuch, das Jesu um dasHaupt gebunden gewesen war, lag beiseite an einem besondernOrte zusammengewickelt. Erschrocken sah sie diese Veränderung.Sie mußte glauben, daß der Leichnam ihres Freundes schon,vielleicht durch Joseph von Arimathia, hinweggeführt undbeerdigt worden war.
Allein eine neue Erscheinung vermehrte ihre Bestürzung.Ein unbekannter Jüngling, der ein langes weißes Kleid an-hatte, saß zur rechten Hand unter dem Felsen. Zittern undEntsetzen kam sie an. Den sie erblickte, erschien ihr als einhöheres, überirdisches Wesen. Noch mehr mußte ihr das Wort,das er sprach, diesen Glauben bestätigen. Ihr suchet Jesumvon Nazareth, den Gekreuzigten, sagte er: er ist auferstandenund ist nicht hier. Sehet da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.Gehet aber hin, und saget es seinen Jüngern, daß er vor euchhingehen wird in das Land Galiläa; da werdet ihr ihn sehen,wie er euch gesagt hat.
Das Wort des Unbekannten füllte die Brust MariaMagdalencns mit heiligem Entsetzen, mit Lust vermischtemGrauen. Er ist nicht todt, der Gestorbene, er lebt noch! Undwer diese Worte voll unbegreiflichen Sinnes spricht, wer ist er?Ein gewöhnlicher Sterblicher ist er nicht. Er muß ein BoteGottes sein!