176
Der Spott und Afterwltz der unwissenden, ihn verkennendenMenge konnte ihn nicht verwunden. Wen wird es beleidigen,wenn er vorn Wahnwitz gescholten, oder im Rausch des Trumkenboldes gelästert wird? Er bedauerte die blinde Menschheit;er betete für sie das erhabenste der Gebete, welches je von derErde zum Himmel sich erhob: Vater, vergib ihnen, denn siewissen nicht, was sie thun!
In dieser Gemüthsstimmung erblickte er unter dem Kreuzediejenigen Personen, welche seinem Herzen auf Erden immeram meisten gegolten hatten. Er sah seine Mutter, die treue, diezärtliche; sah ihre Schwester; sah die Freundin Maria Mag-dalena, und seinen Geliebten, den sanften Jünger Johannes.Schmerzvoll gebeugt, in Thränen zerfließend, jammernd standenAlle da. Wer kannte sein Herz, des besten Schicksals würdig,besser, als alle diese Personen es kannten und liebten? Siewaren nun ohne Trost.
Gewiß, die Wuth blutdürstiger und stolzer Feinde, derHohn eines herzlosen Pöbels war zu verachten, und nicht fähig,das hohe Gemüth Jesu zu kränken. Allein der Anblick aller Ge-liebten plötzlich, und in dem Augenblick, da mit dem Hauchdes Lebens Alles verloren werden sollte; der Anblick desSchönsten auf Erden, indem es verschwinden muß — dies warerschütternd. Nicht die Geißelwunden, nicht die Dornenkrone,nicht die spöttische Ueberschrift am Kreuz, nicht der Schwammmit Essig und Galle, waren so harte Prüfungen der Stand-haftigkeit eines zartfühlenden Gemüthes. Was bei diesem An-blick in Jesu vorging, wissen wir nicht. Er mochte vielleichtbewegt sein; aber wie ein seiner Ewigkeit bewußter Geist be-wegt werden kann, der gewiß ist, daß das Edle und Göttlicheunverloren ist, auch beim Tode des Leibes. Was haben Staubund Erde mit dem Unsterblichen zu schaffen? Was kann ausdem Schöpfungsall Gottes Heiliges und Schönes verlorengehen? Wer hat gesagt, daß der Tod die Kinder Gottes ausdem Wohnhause ihres himmlischen Vaters verstoße? Jesusblieb gelassen. Warum hätte er um das klagen sollen, wasihm nie entrissen ward? Nur ein stilles Mitleiden empfand er