Ankläger, seine Richter, waren die strafbaren Verbrecher! Erstand im Gefühl seiner Unschuld erhabener, als sie. Sollte er sichvor ihnen demüthigen? Sollte er das Leben von ihnen als eineGnade fordern, welches sie ihm als Recht zu verweigern rasendgenug waren? Er sprach kein Wort. Er ging zum Tode, welcherder Welt eine größere Wohlthat werden sollte, als es ein ver-längertes Leben vielleicht hätte sein können; denn die große Auf-gabe seines Lebens hatte er erfüllt. Was er der Menschheitgegeben, konnte ,hr nun nicht wieder entrissen werden.
Er ging, zwar an körperlichen Kräften sehr erschöpft. Einegrauenvoll durchwachte Nacht, ein Umherschleppen von Straßezu Straße, von Behörde zu Behörde, eine Mißhandlung seinesLcibes schmählicher als die andere, halbverblutet, und vonschmerzenden Wunden bedeckt — Alles mußte seine Kraftlahmen. Er stürzte unter dem Holze des Kreuzes halb ohn-mächtig hin, das man ihm aufbürden wollte, damit er eSselber zur Richtstätte schleppe. Die unmenschliche Grausamkeitrührte selbst das Herz vieler zum Schauspiel mitlaufender, neu-gieriger Menschen; nock mehr rührte der Gedanke, daß dieserleidende Jesus nichts Uebels gethan, daß er in Judäa und Ga-liläa der allgemeine Menschenfreund gewesen, daß ihn dieTugend nach Golgatha führe, wohin sonst nur das Verbrechenführte. Mit thränenvollen Augen folgten ihm viele Weiber,mitleidig und wehmüthig.
Jesus behielt, auch in der Erschöpfung seiner Kräfte, dieGeistesgegenwart und Gleichmütigkeit voriger Zeiten. ES istim Gefühl der Unschuld etwa- Himmlische-, daS uns überAlles mächtig macht. Seine Schmerzen vergaß er über dieVerworfenheit und Rohheit der Zeitgenossen. Sie waren be-klagenswürdiger, als er. „Ihr Töchter von Jerusalem", spracher, „weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbstund über eure Kinder!"
Der grausame Spott, der ekelhafte Pöbelwitz deS rohenHaufen- verfolgte ihn bis auf die Höhe von Golgatha; ver-folgte ihn, bis er an's Kreuz geschlagen, zwischen andern Misse-thätern hing; verfolgte ihn bis zu seinen letzten Athemzügen.