hören; aber die redlichsten Leute bis aufs Blut zu verfolgen,wenn sie von einer entgegengesetzten Ueberzeugung sind. Es istnichts Unerhörtes, daß man einen Mörder begnadigen und einenUnschuldigen verdammen kann, dem man seine Meinung in kirch-lichen oder bürgerlichen Sachen zum Verbrechen macht. Mehrals das, was noch heute geschieht, geschah auch zu Jesu Zeitennicht. Den Mörder Barnabas ließ man los, aber über Christumrief man das Kreuzige!
Er war zu groß und achtungswürdig, das war sein Ver-brechen. Er hatte des Guten zu viel gethan, sein Ansehen stiegim Volk. Alles bewunderte, Alles lobte ihn. Wie hätte diesder Hochmuth derer gelassen ertragen können, die sich durchihre Geburt, ihre Aemter über ihn erhaben meinten! JederBeifall, der ihm ungeheuchelt zu Theil ward, galt ihnen wieein Raub an den ihnen gebührenden Ehrenbezeugungen. Ermußte bestraft werden; er mußte fallen. Das Volk sollte keineandere Tugend ehren, als die Herkunft, den Reichthum, denhohen Stand.
Er war zu weise, zu edel und zu wahr! Wie hättenMenschen, von eigenem Werthe eingenommen, wie hätten matt-herzige Heuchler solchen Frevel verzeihen können? Wer wardenn dieser Nazaräer, daß er sich unterfing, Heller zu sehen, alsein Bürger von Jerusalem; oder es wagte, weiser zu sein, alsein Hohepriester, als ein Schriftgelehrtcr, von Amts wegen?Es hieß wohl, er sei demüthig. Aber dieser Demüthige, warumverstand er nicht die Kunst zu schmeicheln, und die Albernheitender Machthaber zu preisen? Darum mußte er den Zorn derMächtigen empfinden, den er nicht fürchten wollte. Er wagtees sogar, Wahrheit zu sagen. Gräuels genug! Man kannsüße Lügen belohnen; aber wer die Gebrechen des Zeitalters mitihren wahren Namen nennt; den heiligen Schein um das Hauptdes Heuchlers vertilgt; dem tückischen Bösewicht, welcher dieGlückseligkeit des Volks zerstört für seinen Eigennutz, wegreißtvom Antlitz die freundliche Larve — das ist Todesverbrechen! —Es ist wahr: Jesus ehrte Mosen und die Propheten. AberMißbrauche nannte er Mißbrauche. Er wagte es, anderer Mei-