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Christus war noch bei seinen Geliebten im stillen Bethanien;da schon versammelten sich die Hohenpriester und Schristgelehrtenund die Aeltesten im Volk, in dem Palaste des Hohenpriesters,der hieß Kajaphas, und hielten Rath, wie sie Jesum mit Listgriffen und tödteten. Fast schien es unbegreiflich, warum manso empört wider Jesum war. Wen hatte er denn beleidigt, daßman so blutige Rache nehmen wollte? Er hatte Niemand ge-tödtet, aber Todte vorn Todesschlafe erweckt; er hatte Keinemeine Thräne erpreßt, aber sie von der Wange manches Weinendenabgetrocknet. Welches war denn sein Verbreche«? Er hatte einenerhabenern Glauben verkündet, als Moses; aber nicht die Ord-nungen Mosis, nicht das Heiligthum des Gesetzes angegriffen,sondern mit Sorgfalt geehrt. Er hatte gesagt, daß er derMessias sei, der Längstersehnte und Verheißene; aber niemalsdas Wort gegen jüdische und römische Hoheit, oder gegen geist-liche und weltliche Obrigkeit geführt. Vielmehr mahnte er zumGehorsam überall, und vermied des Volks aufrührerische Be-wegungen. — Was hatte man wider ihn? Warum so unver-söhnbare Erbitterung?
Die Frage ist keineswegs schwierig zu beantworten. Werdie Menschen des heutigen Tages kennt, findet in ihrer Schlech-tigkeit die Auflösung zum Räthsel von der Schlechtigkeit derehemaligen. Sieh nur um dich her. Es ist noch in unsernZeiten so gar selten nicht, daß man wohl an Andern lieber großeFehler mit Schonung duldet und verzeiht, als große Tugenden,große Eigenschaften, große Verdienste. Man hört auch noch inunsern Zeiten keinem verachtungswürdigen Menschen so vielBöses nachgeredet, so viel Verdächtiges ihm nacherzählt, alseinem edeln, kräftigen, ausgezeichneten Mann, dessen Werthzu laut anerkannt werden dürfte. Wie demüthigend ist die Ge-genwart eines großen Mannes für den Hochmuth kleinlicherLeute! wie beschämend eine tadellose Tugend für schuldbewußteHerzen! — Sieh um dich her. Es ist ja auch in unsern Tagenso gar selten nicht, daß man es keineswegs unanständig findet,mit Menschen von schändlichen Leidenschaften und Grundsätzenguter Freund zu sein, wenn sie nur zur rechten Partei ge-