mit Recht wurden dergleichen Mährchcn, deren Falschheit sich aussich selbst ergab, von den damaligen Zeitgenossen wenig geschätzt,sondern verworfen. So wies man einen erdichteten amtlichenBericht des Landpflcgers Pontius Pilatus an den römischen KaiserTiberius über Jesu Tod und Auferstehung vor; den Bericht überdie Gestalt des Erlösers, wie er von mittlerer Größe war, blassenAngesichts, sein Haupthaar braun, nach nazarenischem Gebrauchgescheitelt; wie man ihn habe selten lachen, öfters wehmüthiggesehen. So wußte man von einem Briefwechsel Jesu Christi,den er mit Abgar, Fürst von Evcssa, geführt habe, welcher ihnzu sich geladen hatte, um ihn von einer langwierigen Krankheitzu heilen; Christus aber hätte dies abgelehnt, und ihm seinBildniß zugesandt. Alle diese und andere Nachrichten von Jesu,so wie Angaben von Abbildungen seiner Person, findet man inDen Schriften der ersten dreihundert Jahre der christlichen KircheNirgends bemerkt; erst im vierten Jahrhundert und in den nach-folgenden Zeiten trieb man damit Spiel und sogenannten frommenBetrug. Christus hat von sich kein Bildniß hinterlassen. Wieleicht wäre ihm dies gewesen, und zu einer Zeit, wo an treff-lichen Künstlern nirgends Mangel war! Er kannte der MenschenSchwäche, und wollte im Geist und in der Wahrheit verehrtsein, nicht in todten Bildern, welche leicht zu Aberglauben undMißbrauch aller Art Anlaß geben konnten. Er war über diegemeine Eitelkeit gemeiner Sterblichen erhaben. „Ich nehmenicht Ehre von Menschen!" sagte er.
Indem er sorgfältig den kleinsten Umstand vermied, der ihnAnd seine wahren Absichten hätte verdächtig machen, oder denArgwohn der Großen reizen können, sah man ihn überall zuerst-sich der römischen weltlichen und jüdischen geistlichen ObrigkeitLmterthänig beweisen. Nie, so laut er auch die Gebrechen derZeit tadelte, erhob er seine Stimme gegen die bestehenden Obrig-keiten. Nirgends war dies gefährlicher, als bei einem ohnehinzu Meutereien geneigten Volke, wie damals das jüdische; fürNiemanden folgenreicher als für ihn, den von der einen Seite dasVolk gern zum Anführer ausgerufen, von der andern die Feindschaftder jüdischen Priester gern verdammenswerth gefunden hätte.