So gewissenhaft er aber auch die mosaischen Ordnungen be-obachtete, entband er sich doch von vielen kleinen Nebendingen,welche nicht so wohl Vorschriften Mosis, als die Erfindungenspäterer Zeiten waren.
Diese Nebendinge, diese kirchlichen Vorschriften und Ge-bräuche, von denen Mosis nichts gelehrt, waren für die Priester,Schriftgelehrten und Pharisäer aber Hauptsachen; diesen Leutenwar es leichter, äußere Verrichtungen in und außer dem Tempelmit Strenge zu beobachten, als ihren Lebenswandel zu bessern,redlich und leidenschaftlvs zu handeln, und Gott, nach VorschriftMosis und der Propheten, mit heiligen Thaten zu dienen.
Warum übertreten deine Jünger die Vorschriften der Aeltcsten?sagten sie zu ihm: Warum waschen sie ihre Hände nicht, wennsie Brod essen? — Christus erwiederte diese Vorwürfe mit derfür sie erschütternden Gegenfrage: Warum übertretet ihr dennGottes Gesetz um eurer Vorschriften willen? Gott hat geboten:Du sollst Vater und Mutter ehren. Ihr aber lehret: Wer seinenAeltern das Nothwendige entzieht, und zum Vater oder zurMutter spricht: Wenn ich's opfere, so ist dir's viel nutzer! derthut wohl. Ihr Heuchler, es hat wohl von euch Jesaias ge-weissagt: dies Volk naht sich zu mir mit seinem Munde, aberihr Herz ist fern von mir. Aber vergeblich dienen sie mir,dieweil sie lehren solche Lehren, die nur Menschengebote sind.(Matth. 15, 2—9.) Ein andermal glaubten sie ihm nicht mindergroßen und gegründeten Vorwurf damit zu machen, daß sie ihneinen Entweiher des Sabbaths hießen, weil er sich am Sabbathmit seinen Jüngern Arbeit erlaube, oder esse. Er cntgegneteihnen : der Sabbath ist um des Menschen willen gemacht, undnicht der Mensch um des Sabbaths willen. (Mark. 2, 27.)Lebte Jesus in unsern heutigen Tagen, wie Vielen würde erauch jetzt begegnen, die jenen elenden Heuchlern gleichen; diejede Bosheit verzeihen, aber die Versäumung irgend einer An-ordnung der Kirche zur großen Sünde erheben; die sich keinGewissen daraus machen, die Armen ungerecht zu drücken, undihr Vermögen auf unerlaubte Weise zu vergrößern, aber dagegenein sündentilgendes Verdienst beim Himmel zu erlangen glauben,