als wäre der Allgerechte durch Bitten zu bewegen, ungerechtzu sein; ich blicke auf die Ewigkeit mit geheimer Sehnsucht nacheinem einst seligern Loose, und thue nichts für dies Lovs derhohem Seligkeit, die darin besteht, vollkommener zu werden,wie mein Vater im Himmel vollkommen ist. So bin ich nunälter geworden, ohne an wahrer Weisheit gewonnen zu haben,ohne mehr Gnade bei Gott und den Menschen zu haben.
Ernste Mahnungen Gottes gingen wohl an mein Herz,Mahnungen Gottes in meinem Schicksal, in trauervollen Stun-den, in Stunden der Furcht, der Sorge, der Angst. Vielesvom Schmerz dieser Stunden war die Wirkung meiner eigenenFehlerhaftigkeit, gelinde Strafe meiner Vergehungen. Vieleswar ohne mein Verschulden über mich gekommen, daß ich desvergessenen Gottes und Herrn der Welt wieder gedenken, undmeine Seligkeit nicht von dem erwarten soll, was mir diesLeben hier anbietet. War aber der Schmerz überstanden, dieSorge überwunden: war alles Andere vergessen. Ich bliebwieder, wie ich vorher gewesen. Die Zeit hat mich oft mehr,als mein Glaube getröstet. Ja, ich hatte oft mehr Zuversichtauf meine Klugheit, als auf Gottes Macht und Liebe. — Einlanger Zeitraum ist verstrichen von meiner Vorbereitung zumDasein in andern Welten; er v-rrstrich für meine Seele ohneGewinn. Ich bin nicht, der ich sein soll, der ich sein könnte.Die Ewigkeit harrt. Der Richter lebt!
Verlorne Tage, Verlorne Jahre, klaget mich nicht vor Gottan! Noch bin ich nicht ganz verdorben. Noch empfinde ichEhrfurcht vor dem Aller heiligsten und Verdruß und Reue übermeine nur allzugroße Unvollkommenheit. Was hindert mich,endlich einmal einen Anfang zur weisern Benutzung des mirvon Gott noch verliehenen Lebens zu machen; besser, gerechter,menschenfreundlicher zu werden, als ich es bis dahin war?Wie sich mein göttlicher Erlöser den größten Theil seiner Tagezu seiner großen Gottesthat vorbereitete, so, meine Seele, be-reite dich hienieden zum höhern Dasein vor. Denn dies irdischeLeben ist nur der Anfang deines Lebens, ist nur eine flüchtigeJugendzeit.