— 122 —
„„Wenn ich, o Sion, deinen Fall beweine, so ist es das düstereSchreien des Schackal; wenn ich aber an die Rückkehr aus der Ge-fangenschaft denke, sind es die Töne der Harfe, welche einst deinegöttlichen Gesänge begleiteten. Warum kann meine Seele nicht überden Städten schweben, wo die Gottheit sich deinen Propheten offen-bart? Gib mir Flügel und ich will die Trümmer meines Herzensüber deine Ruinen tragen, ich will deine stummen Steine umarmenund meine Stirne soll deinen heiligen Staub berühren. Wie süßwäre es für mich, mit bloßen Füßen über den Trümmern deinesHeiligthums an den Ort zu gehen, wo sich die Erde öffnete, um dieVundeslade und ihre Cherubim in ihren Schooß aufzunehmen. Ichwürde von meinem Haupte diesen eiteln Schmuck reihen und dasSchicksal verfluchen, das deine frommen Anbeter auf eine gemeineErde geworfen hat. Wie könnte ich mich den Freuden dieses Lebensüberlassen, wenn ich Hunde deine jungen Löwen forttragen sehe?Meine Augen fliehen das Licht des Tages, das mich Raben sehenläßt, welche die Leichen deiner Adler in den Lüften entführen. Halteinne, Leidensbecher, laß mir einen einzigen Augenblick Ruhe, dennschon sind alle meine Avern voll deiner Bitterkeiten.""
Dann begaben wir uns »ach dem Berge Sion, sahen hierdie SionSburg und überzeugten unS, daß dieselbe durch eineBrücke mit dem alten Tempel in Verbindung gestanden habenmuß. Wir kamen an mehrere Caetussträuche dorbei, worin sichaußerordentlich viele Hunde aufhielten, welche Nachts in dieStadt kommen, um das krepirte Vieh, welches auf die Straßegeworfen wird, zu verzehren. Wir kamen jetzt an das Mistthor,wodurch der Herr als Gefangener zum Richter Annas undKaiphas geführt wurde. Als wir heute Nachmittag zur h. Gra-beskirche kamen, wurde gerade zn gleicher Zeit die Prozessionder Lateiner, Griechen und Armenier nach den h. Stätten ge-halten ; die Mitglieder der beiden letzten Confcssioncn machtenso viel Geräusch und sangen so wild durcheinander, daß ichglaube, dies nicht mit dem Worte „Andacht" bezeichnen zu kön-nen. Beten konnte ich nicht.Heute wurde die
Karawane von dem Patriarchen mit einer Einladung auf morgen,
H _,_-