Gedächtniß langsam erlernt werden müssen. Aber es ist Ver-wandtschaft zwischen den Stimmen der Thiere und ihren Ge-fühlen. Die jüngsten verstehen die ältesten. Ein Ton istgenug, um die mit demselben verwandte Empfindung sympa-thetisch in einem andern Thiere gleicher Gattung lebendig zumachen.
Dasselbe findet unter den Menschen statt; doch nicht insolcher Vollkommenheit. Aber auch der Säugling erwiedcrt schonLas Lächeln der Mutter und ihren schmeichelnden Ton mit süßemLächeln, so wie das Weinen Mitleid und Wehmuth erregt.Allein was bei den Thieren Naturklang und Einheit mitder Natur ist, das ist bei dem Menschen schon Sache derSeelenkräfte, des Gedächtnisses, des Urtheils, des Einbildungs-vermögens — es ist erlernte Sache. Nur weil wir selbst schongeweint haben, verstehen wir das Aechzen der Trauernden;weil wir selbst gelacht haben, verstehen wir vom Fremdlingden Ton des Gelächters; weil wir die Folgen drohenderStimmen kennen lernten, erschrecken wir vor dem donnerndenRufe des Zorns.
Am reinsten erblickt der Mensch die Naturverwandtschastfeiner Gefühle mit äußern Tönen noch in der Musik wieder.Und eben dadurch wirkt dieselbe mir so unwiderstehlicher Machtauf die Gemüther der unwissendsten Wilden, die noch kaum eineSprache erfanden, wie auf das Herz der gebildetsten Menschen.Wen fie ungerührt läßt, dem mangelt etwas in der Ordnungseiner Nerven. Es ist Unvollkommenheit seiner feinem innernEinrichtung, es ist eine geistige Taubheit, die weder durchErziehung noch durch einen Fehler des Herzens und der Denk-art verursacht wird.
Wenn gleich andere Geschöpfe den Menschen in demjenigenübertreffen, was man Verständnis der Naturstimmen heißenkönnte, ist dies doch so wenig sein Nachtheil, als daß er inRücksicht der Vollkommenheit anderer Sinne oft den Thierennachstehen muß. Sondern wir erkennen darin die Weisheit desgöttlichen Schöpfers, die den Sterblichen zwang, seine Zufluchtzur Entwickelung des ihm verliehenen unsterblichen Geistes zu