Tugend alle Waffen rauben, mit denen sie das Sinnliche be-*kämpfen kann? — warum die Pracht der Tempel verachten,und den Zauber der Tonkunst verwahrlosen bei der Gottcs-verehrung, weil Gott ein Geist sei, den man nur im Geiste undin der Wahrheit anbetcn solle? Gott ist ein Geist, aber derMensch ist es nicht ganz. — Wohl gehst du in die Einsamkeit,und betest da oft mit glühender Andacht — aber was ist es,das in der Einsamkeit, oder im Schoose der Natur, dieserAndacht oft die stärksten Schwingen lieh? — Was war es,wenn du da standest, und die Pracht eines Sonnenaufgangsbewundertest, was dich zur Ehrfurcht und Anbetung des HöchstenHinriß? — Wenn unter dir die Ströme rauschten, Nebelsäulenemporstiegen aus den Thälern wie von Opfcraltären; die Lerchenüber dir im rothstrahlenden Goldgewölb sangen, und dieWälder erbrausten: war es nicht die Gewalt der Farben, derZauber der Töne, der deine Sinne berauschte, dein Blutschneller bewegte, Thränen in dein Auge, Gebete auf deinezitternden Lippen legte? — Du sähest, du hörtest Gott in denWundern seiner Huld, und deine Sinne verkündigten dir dieStärke des Allerhöchsten.
Wenn denn der Einfluß edler Umgebungen auf Sinne undGemüth unzweifelhaft ist: so wird eine zweckmäßige Verschöne-rung der Gott und unserer Andacht geweihten Tempel, feier-liche Ordnungsfolge der gottesdienstlichen Handlungen und Ver«cdelung des kirchlichen Gesangs eine Pflicht weiser Obrigkeiten,denen eines Volkes Adel und Frömmigkeit werth ist.
Von allen Tönen, die uns durch ihren Wohllaut entzücken,sind menschliche Stimmen die vollkommensten. Durch die Summeverkündet sich der innere Zustand des Gemüthes, oft die volleDenkart des Menschen. Anders tönt der Zorn, anders dieLiebe, anders die Wehmuth, anders die Freude. Ohne dieSprache des Fremdlings zu verstehen, ohne ihn-mit unfernAugen zu erblicken, erkennen wir seine Bewegungen aus demKlang, aus der Langsamkeit oder Eile seiner Stimme. Wiebeim Menschen, so beim Thier. Der Vogel singt seine Seligkeit,der Hund gibt durch seine verschiedenen Töne die mancherlei Zu-