325
vas letzte und höchste Ziel. So innig kann kein Blindgebornerdie Tugend lieben, das Laster verabscheuen, als derjenige,welcher jene in ihrer Unbefangenheit und schönen Erhaben-heit, oder die Sünde in den verzerrten Geberdcn auf jedemMenschenantlitz lebhaft sinnlich dargestellt erblickt. Es begegnetkein Sterblicher einem andern, ohne sogleich aus seinem Gesichtezu lesen: Was ist dieser in seinem Innern werth? Hat er Edel-muth oder Heimtücke? Ist er redlich oder falsch? freundlichoder abschreckend? Und wie uns Gott auf diese Weise täglichmit sichtbaren Bildern edler und unedler Seelen umringt, legter den Reiz in uns, selbst edler und besser zu sein, um Gott undMenschen angenehmer zu erscheinen. — Auch der Verdorbensteversucht es; so groß ist die Gewalt des Sittlich-Schönen aufdes Menschen Gemüth. Aber der Bösewicht, der Thierisch-Gesinnte, das Herz mit der Miene verwechselnd, übt nicht jenes,sondern nur diese, und bringt es höchstens bis zum Kunststückeder Heuchelei. Das Thierische schimmert ihm überall durch dieLarve der Tugen- hervor, und sein Antlitz wird eine widrigeVerzerrung.
O wie viel hast Du gethan, heilige Allmacht, um mich aufdem Pfade jedes meiner Sinne an das Einzige zu erinnern, wasmir Noth ist — an Seelenerhebung, an Geistesvollkommen-heit! Wie tausend Wegweiser zum höchsten Glück, die zu Dirhinaufdeutcn, hast Du nahe und fern um mich her gestellt, daß,wenn ich des einen nicht achte, der Anblick der andern michzurecht leite! — Wie schwer ist cs, Dir abtrünnig zu werden,und das Göttliche zu vergessen, das mein Ziel ist! — Unddoch ist der Mensch Dir abtrünnig, und verkehrt seine Naturund vergeht unter falschem Bemühen. Sie haben Augen undsehen nicht; sie haben Ohren und hören nicht! klagte Jesus. —Nein, mich soll diese große Anklage nicht treffen. Ich würde jaAlles, ich würde den ganzen Zweck meines Daseins einbüßen;ich wäre unwürdig, von Dir, Vater der Liebe, erschaffenworden zu sein.
Oeffne die Augen meines Geistes, daß ich Dich und »neinewiges Ziel beständig erblicke; Dich im Thautropftn und in den