kann so weit vervollkommnet werden durch Uebung, daß, wieman von Blindgebornen weiß, sie durch Betastung selbst dieVerschiedenartigkeit der Farben erkannten, von denen sie dochdurchaus ohne Vorstellungen sind.
Auch ist der Gefühlssinn am meisten über alle Wesen aus»gebreitet, die Leben haben. Vielen mangelt Gesicht, Gehör,Geruch, aber nur wenigen das Gefühl. Was gefühllos ist,har wenig Leben und willkürliche Bewegung. Die Auster,welche nur kaum empfindet, bewegt sich fast gar nicht. DerVogel, dessen Empfindsamkeit ungemein lebhaft ist, lebt fastin beständiger Bewegung. " Selbst einige Pflanzen verrathenetwas vom Vermögen des Gefühls; daher sie sich bei Ver-letzungen zusammenziehen, am Tage offnen, oder ihr Laub demLichte zuwenden.
Das Gefühl ist der Verkündiger des Lebens, und selbst mrInnern des Körpers überall verbreitet, so weit die Nerven sichZerstreuen. Hunger und Durst sind Wirkungen dieses Sinnesin unscrm Eingeweide. ^
Alle übrigen Sinne haben zugleich auch diesen Sinn. Auchmit dem Auge, Ohr, mit der Zunge und den Geruchswerk-zeugen fühlen wir. Aber überall ist die Empfindung dabeianders. So zart auch Zunge und Lippe sein mögen, gewinnendoch wir durch sie, wenn wir geschlossenen Auges damit Gegen-stände betasten, keine so bestimmte Vorstellung, als durch dieFingerspitzen.
Gott scheint den menschlichen Leib aber darum so reich mitGcfühlsnerven umsponnen zu haben, damit wir von allenSetten mit seiner Welt in beständiger Berührung stehen, in be-ständiger Lebensthätigkeit bleiben, und sogleich wahrnehmcn, woder Seelenhüllc Gefahr droht. Denn mit jedem Reize auf dieGefühlsnerven ist zugleich in unserm Gcmüth emo Vorstellungdes Angenehmen und Unangenehmen verbunden. Die Empfin-dung von Lust und Unlust liegt nicht unmittelbar in den Sinnen-werkzeugen selbst, sondern in der Seele. Es steht in ihrerGewalt, die Empfindlichkeit der Nerven zu vermehren oder zuvermindern, je nachdem sie dahin ihre größere Aufmerksamkeit