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6 (1837) Gott in der Natur
Entstehung
Seite
222
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Aber wenn ihm plötzlich an einem der schönsten Frühlings-tage die Bande der Finsterniß von den Augen fielen, und mitdem erneuten Lichte seinen Augen gleichsam eine neue Pforte desgöttlichen Weltalls aufgeschlossen würde: welch ein freudigesEntsetzen müßte ihn durchschauern! Sein erster Blick in die mitallem Zauber des Schönen ausgestattete Natur wäre gleich demersten Erwachen Adams im Paradiese. Er würde beben, taumeln,den Himmel und die Erde fassen, das All umarmen wollener würde wähnen, in einem Meere von fremden Erscheinungenzu schwimmen, und von der Herrlichkeit des Allerhöchsten ver-nichtet werden zu müssen. Die goldenen Strahlen der Sonnefließen über die schwarzen Streifen der Wälder und über daserquickende Grün der Auen hinab; die fernen Berge scheinensanfte Wolken, die Gewölke schwebendes Gebirg zu sein; derRegenbogen in blendenden Farbenreihen wölbt sich vom blauenHimmel zur bunten Erde nieder, wie die ungeheure Pforte zueiner zweiten Welt; Millionen Blumen prangen wehend umseine Füße; Schmetterlinge umgaukeln ihn, wie vielfarbigeBlumen, und in den Lüften tönen Melodien von sanft dahinschwebenden Punkten, es find Lerchen; und höher schwebendie einsamen Adler.

Welche Gefühle müssen den Blindgeöornen durchbeben, demplötzlich das Licht verliehen wird! Und wir o wir Sehend-gebornen, warum gehen wir kalt und gefühllos an der Herrlich-keit Gottes vorüber, wie Blinde!

Wir sagen: Aber dies ist eine Wirkung der Gewohnheit.Allerdings kann die Gewohnheit Vieles dazu beitragen, daßwir gegen die uns umringende Schönheit der Natur gelassenerwerden. Ein anhaltendes Entzücken ist ungcdenkbar, und wercs bei jeder Gelegenheit äußern wollte, würde zuletzt inheuchelnde Empfindungen verirren. Allein ein Anderes, als diesenatürliche Gemüthsruhe, mit welcher sich sehr wohl Empfäng-lichkeit für die Güte Gottes in jedem Augenblick unsers Lebensverträgt, ist völlige Abgestumpftheit und rohe Unempfindlichkeit;- ist jene Gleichgültigkeit gegen die Wunder Gottes, welche sich injedem Lichtstrahl der Sonne erneuern; jene Unempfindlichkeit,