Druckschrift 
6 (1837) Gott in der Natur
Entstehung
Seite
176
Einzelbild herunterladen
 

176

Die Empfindungen des Christen im Frühling beim An-blick der wiedererwachendcn Natur können nur Entzücken undBewunderung der göttlichen Größe, Güte, Weisheit und Machtsein. Gedanken und Gefühle werden zum Lobgesang auf dieUnerschöpflichkeit der himmlischen Liebe. Und die Sehnsuchtder Seele zu Gott, die Sehnsucht, in ihm aufgelöset, ihm ganzeigen zu sein, wird reger und heftiger.

Und mit dem Aufleben der Welt soll auch unser Gemüth zuneuer, heiliger Kraft aufleben; die neuen Wohlthaten, mit denenuns der ewige Vater überschüttet, sollen uns auch entflammenzu neuer Thätigkeit in Werken der Liebe, der Sanftmuth undWohlthätigkeit gegen unsere Mitmenschen.

Die fleißige Biene sumset um den Kelch der frischen Blüthen,Honig einzusammeln für die Tage des Winters. Der Fruchtbaumbildet zwischen den Blumen seine Früchte, um Menschen undThiere einst zu laben im Herbst; der Vogel bauet sein Nest,und sucht den Jungen ihr Futter. Alles im weitern Umfangder erwachten Natur ist das Bild der Geschäftigkeit, des Fleißes,des Sammelns, des Säens. So sollen auch wir zur Arbeit,zur nützlichen Thätigkeit mit neuem Muthe gehen. So sollenauch wir uns mit neuen Tugenden schmücken. So sollen auchwir zu allem Guten und Nützlichen, was sich darbietet, die Handreichen, und indem wir das Gute aussäen, auf unfern Herbstdes Lebens, auf unsere Aernte im bessern Leben Hinüberblicken.

Mit neuer Liebe will ich die Menschen umfassen, wieGott mit neuer Liebe sie alle umarmt und beglückt. Wo eseine Thräne zu trocknen gibt, und ich das Vermögen habe, sieabzutrocknen, da soll sie nicht mehr fließen. Wo ich irgend einemmeiner Freunde, meiner Bekannten, meiner Hausgenossen eineFreude gewähren kann: da will ich sie ihm schaffen, wie Gottuns täglich neue Freude gewährt. Wo ich irgend einen Feindhabe, der mich meidet und flieht, der mir Uebels nachredet oderthut, der Alles, was ich thue, bös ausdeutet, und selbst, wasich Gutes habe, verkleinert, da will ich ihm seinen Haß ver-zeihen ; ich will jede Gelegenheit gern benutzen, ihm Liebes zuerweisen, auch wenn er es nie erfährt, daß es von mir gekommen.